Wo was geschieht

Die Einsatzgebiete künstlicher Intelligenz sind vielfältig. Oft fällt gar nicht auf, wie uns die Technologie im Alltag unter die Arme greift. Ein Streifzug durch Branchen und Lebensbereiche, in denen sie eine wachsende Rolle spielt

HANDEL

Künstliche Intelligenz spielt im Handel schon heute eine große Rolle, egal ob bei Amazon oder Zalando. Dabei geht es vor allem um die Analyse und die anschließende Vorhersage des Kundenverhaltens. Aus einem Datensatz zu 10 000 verkauften Jeans lassen sich bei genauem Hinsehen Muster lesen: Welche Schnitte sind besonders beliebt? Welche Farbnuancen werden häufig geordert? Wann werden diese bestellt? Dieses Wissen hilft, die Lagerkosten zu reduzieren. Der Online-Händler Amazon zum Beispiel untersucht auch das Kundenverhalten in den Regionen und stimmt seine Transportlogistik darauf ab. Der Modehändler Zalando setzt künstliche Intelligenz unter anderem beim Erkennen von Kleidung auf hochgeladenen Fotos ein: Die Motive werden mit dem Angebot abgeglichen, um Kunden die entsprechende oder zumindest ähnliche Ware anbieten zu können.

SUPERMARKT

Das Karlsruher Unternehmen Blue Yonder wertet die Kassenzettel von Kaufhäusern aus, kombiniert die Daten mit weiteren Angaben, etwa zum Wetter, und sucht dann nach Mustern. Im Ergebnis steht eine ziemlich gute Prognose dazu, was morgen, übermorgen oder am Wochenende gekauft werden könnte – also lange bevor die Kunden selbst wissen, dass sie an einem besonders warmen Samstag Fleisch für spontane Grillpartys kaufen werden. Der Händler kann mithilfe dieser Anwendung automatisiert Nachschub bestellen, kann effizienter planen und muss weniger wegwerfen. Ein großer Kunde des Angebots war der Drogeriemarkt dm. Inzwischen plant Blue Yonder fast den gesamten Sushi-Verkauf in deutschen Supermärkten – die Fischhäppchen sind exakt zwei Tage haltbar.

Der Handschuh, der scannen kann, ist eine Entwicklung von ProGlove in München.

VERSAND

Das Münchner Start-up ProGlove hat einen intelligenten Handschuh entwickelt, mit dem Versandmitarbeiter die verpackten Waren scannen und per Funk mit der Liste im Computer abgleichen können – schließlich muss alles, was in einem Werk oder in einem Lager ankommt oder es verlässt, registriert werden. Eine mühsame Arbeit, für die bislang eine Scanner-Pistole in die Hand genommen und aus der Hand gelegt werden musste. Immer und immer wieder. Maschinenbauer wie Kuka, aber auch Autobauer wie Audi und Händler wie Rewe oder Ikea arbeiten mit der neuartigen Lösung.

VERKEHR

Die südindische Millionenmetropole Bangalore hat den massiven Verkehrsstaus an den innerstädtischen Kreuzungen den Kampf angesagt: Zusammen mit Siemens Corporate Technology arbeitet die Stadt an einer Verkehrsmanagementlösung, die mit künstlicher Intelligenz arbeitet. Das Ziel der Forscher: ein System, das nicht nur Fahrzeuge in Echtzeit erkennt, sondern auch die Verkehrsdichte abschätzt und die Steuerung von Signalen automatisiert. Die ersten Feldtests hat die Entwicklung bereits bestanden.

SPRACHASSISTENTEN

Das Saarbrücker Unternehmen SemVox hat sich auf sprachgesteuerte virtuelle Assistenzsysteme spezialisiert. Der einfache Befehl: »Erwärme das Haus auf 23 Grad Celsius, bevor ich nach Hause komme« ersetzt die komplexe Programmierung einer Heizungssteuerung. Sagt ein Geschäftsreisender dem Assistenten, er würde am Abend gern in Berlin französisch essen gehen, schlägt dieser ihm ein Restaurant vor, reserviert den Tisch und lädt Freunde ein. Unternehmen können die schlaue Software bitten, alle Kunden mit einem Umsatz von mehr als 20 000 Euro herauszusuchen. Servicetechniker können vor einem Einsatz fragen, wie ein bestimmtes Gerät zu reparieren ist und welche Ersatzteile man dafür im Gepäck haben sollte. Die SemVox-Technologie steckt inzwischen auch in Autos – so wollen die Automobilbauer ihre Fahrzeuge fit für die Digitalisierung machen.

Ein sogenanntes Exoskelett im Praxistest.

MEDIZIN

Exoskelette helfen Patienten mit Lähmungen zumindest kurzzeitig dabei, selbst zu gehen: Der Patient verlagert sein Gewicht und löst so die Schritte des KI-gestützten Roboters aus. Auch bei der Therapie von Krankheiten des zentralen Nervensystems spielt bald künstliche Intelligenz eine Rolle: Alzheimer- oder Parkinson-Patienten verlieren Nervenzellen und Zellfunktionen. Ist der Verlust so groß, dass das Gehirn ihn nicht mehr kompensieren kann, sprechen Fachleute von einer neurodegenerativen Erkrankung. Die Forscher von »ki elements« arbeiten an einer Sprachanalyse, die solche Krankheitsbilder in frühen Stadien erkennen soll. Das Start-up ist ein Spin-off des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz.

LERNEN

Mit der Plattform »Open Roberta« des Fraunhofer-Instituts für Intelligente Analyse- und Informationssysteme lernen Schüler ab der dritten Klasse die Grundlagen des Programmierens und den Aufbau intelligenter Algorithmen. Mithilfe der Programmierbausteine steuern sie schon nach kurzer Zeit Miniroboter oder einen Staubsauger.

ÜBERSETZUNG

Das Smartphone und der PC machen Wörterbücher überflüssig, Übersetzungsdienste gibt es inzwischen von Google und Microsoft, aber auch vom Start-up DeepL: Die Kölner Gründer haben ihr Übersetzungsprogramm von Beginn an unter Zuhilfenahme von KI-Techniken entwickelt.

RECHT

Ob bei Vertragsprüfungen oder bei Beschwerden über Flugverspätungen – immer häufiger helfen Algorithmen als intelligente Werkzeuge, Teile der Arbeit von Juristen schneller zu bewältigen. Die Berliner Firma Leverton hat einen selbstlernenden Algorithmus entwickelt, der in Minuten Hunderte seitenlange Immobilienverträge scannen kann – schneller als jeder Mensch. Auch bei der Durchsetzung von Fluggastrechten kommen Rechner zum Einsatz. Viele Fälle werden nie ausgefochten, selbst wenn die Verbraucher offensichtlich im Recht sind. Wer gibt für 50 Euro Erstattung schon mehrere Hundert Euro für einen Anwalt aus? Diesen Umstand machen sich nun Start-ups wie Flightright, EUclaim oder FairPlane zunutze. Auf den Internetseiten der Unternehmen können Verbraucher nach verspäteten oder ausgefallenen Flügen ihre Beschwerde einreichen. Ein Algorithmus schätzt binnen Sekunden die Erfolgsaussichten. Sind die Chancen hoch genug, werden die Start-ups für ihre Nutzer tätig.

JOURNALISMUS

Das 2008 in Berlin gegründete Unternehmen Retresco spezialisiert sich auf die automatische Verwertung von Inhalten und Daten. Die Technologie der Gründer ist in der Lage, aus vorhandenen Daten Wetterberichte für jede Stadt der Welt zu produzieren – vollautomatisch. Retresco bietet außerdem personalisierte Finanz- und Börsenberichte sowie Marktanalysen an.

VEREINE

Das Münchner Start-up ReportExpress entwickelte die weltweit erste KI-basierte Fußball-Spielberichts-App. Vor allem Amateurmannschaften können mit verhältnismäßig wenig Aufwand professionelle Spielberichte nach sportjournalistischem Standard erstellen. Ein großer Schritt für den Fußball in den unteren Ligen, weil Interessierte auf diese Weise mehr als das Spielergebnis erfahren.

SOZIALE MEDIEN

Soziale Netzwerke wie Facebook und Videoplattformen wie YouTube setzen bereits in erheblichem Umfang auf künstliche Intelligenz. Bei Facebook bestimmen Algorithmen darüber, welche Texte, Fotos, Videos oder Anzeigen in welcher Reihenfolge zu sehen sind. YouTube nutzt KI-Anwendungen beim passgenauen Ausspielen von Online-Werbung oder beim Auffinden und Eliminieren von sogenannter Hate Speech, zu Deutsch Hassrede. Die meisten großen Social-Media-Plattformen wollen die maschinelle Überprüfung von Inhalten künftig noch intensivieren.

Ein spezielles Armband steuert dem Zittern der Hand entgegen, wie es häufig bei Parkinson auftritt.

TEILHABE

Moderne Technologien erleichtern Menschen mit Behinderungen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Das amerikanische Unternehmen Liftware zum Beispiel entwickelte einen Löffel, der dem Zittern der Hand entgegenwirkt, wie es häufig bei einer Parkinson-Erkrankung auftritt. Auf ähnliche Weise wirkt die sogenannte Emma Watch: Das Armband wurde von Microsoft-Entwicklerin Haiyan Zhang für die Grafikdesignerin Emma Lawton gebaut, die an Parkinson erkrankt ist. Die »Emma Watch« steuert dem von der Krankheit verursachten Zittern der Hand so entgegen, dass die Trägerin wieder mit einem Stift zeichnen kann.

Illustrationen: Bratislav Milenković; Animation: Musclebeaver; Fotografie: ProGlove, Getty Images, Microsoft Deutschland GmbH

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