Einfach schneller Dinge regeln

Weltweit entstehen digitale Verfahren, die dem Einzelnen mehr Kontrolle über seine persönlichen Daten geben. Die Beispiele aus der Schweiz, Belgien, Südkorea und Estland zeigen: Stets geht es darum, mithilfe von sicheren elektronischen Identitäten den Alltag im Umgang mit Behörden, Banken oder Unternehmen zu vereinfachen

Wie wäre es, wenn sich alle Online-Dienste in einem Land mit nur einem Login benutzen ließen? Dann könnte jeder mit nur einer digitalen Identität – und ohne sich in verschiedene Benutzerkonten ein- und auszuloggen – zum Beispiel ein Auto mieten, eine Jacke kaufen oder online Rechnungen überweisen. In der Schweiz soll dies durch die »E-ID« voraussichtlich ab 2021 möglich sein. Mit der staatlich geprüften und anerkannten elektronischen Identität sollen dann auch Behördengänge ­online abgewickelt und andere öffentliche Dienstleistungen digital genutzt werden können. Elektronische Zertifikate sorgen dafür, dass jegliche Daten verschlüsselt ausgetauscht werden und vor ungewolltem Zugriff geschützt sind. Die Zwei-Faktor-Authentifizierung bietet zusätzliche Sicherheit, weil beim Login ein Code eingegeben werden muss, der dem Nutzer per SMS aufs Smartphone gesendet wird. Das kürzlich verabschiedete E-ID-Gesetz legt außerdem fest, dass Benutzer­daten von Identitätsdaten getrennt und nur auf Schweizer Servern gespeichert werden dürfen. Dabei entscheidet der Nutzer selbst, welche Freigaben er für welche Online-Dienste erteilt. Wofür er die E-ID einsetzt, ist von staatlicher Seite nicht nachvollziehbar.

Der Einzelne entscheidet, was er teilt

Die Stadt Antwerpen setzt ebenfalls auf digitale Identifikationstechniken, speichert die Daten allerdings dezentral: In einem Pilotprojekt soll getestet werden, wie die Verwaltung der Daten aller Einwohner per Blockchain-Technologie einfacher und sicherer werden kann. Die Blockchain-Technologie ist ein neutrales System der Informationsverarbeitung, eine riesige Datenbank, verteilt über viele Computer. Sie gilt als sehr sicher, kann kaum gehackt oder manipuliert werden.

Ziel in Antwerpen ist es, den Bürgern die Kontrolle über ihre eigene digitale Identität zu geben. Im Gegensatz zu zentralen Datenbanken basiert das System auf dem Konzept der »Self-Sovereign Identity« (auf Deutsch: Selbstsouveräne Identität): Die persönlichen Daten werden nur auf dem Smartphone des Nutzers gespeichert und nicht als Benutzerkonto von Unternehmen oder Behörden verwaltet. Der Einzelne entscheidet, mit wem er welche Information teilt. Im Pilotprojekt sollen Bürger zum Beispiel ihre neue Adresse nach einem Umzug an das Einwohnermeldeamt übermitteln. Die Daten werden dabei nicht nur dezentral mithilfe der Blockchain-Technologie gespeichert, sie werden auch dezentral mit den teilnehmenden Behörden oder Unternehmen geteilt. Die Technologie ist in ihrer Funktionsweise vergleichbar mit einem digitalen Tresor: Er kann nur von denjenigen geöffnet werden, die einen Schlüssel haben; und es können auch nur jene Daten ausgelesen oder weitergegeben werden, die wirklich benötigt werden.

Nur eine ID für mehrere Bankkonten

Dezentrale digitale Identitäten werden auch in Südkorea eingeführt, das Potenzial ist dort besonders im Finanzbereich groß: Südkoreaner haben im Schnitt fünf Bankkonten und drei Kreditkarten. Der Weg zur einzelnen Online-Überweisung war, wie in vielen Ländern der Welt, bislang mit vielen Passworteingaben und Klicks verbunden. Ein Blockchain-basiertes Identifikationssystem für Finanzdienstleistungen vereinfacht die Handhabung der vielen Accounts nun: Mehr als 30 Finanzdienstleister, Versicherer und öffentliche Einrichtungen unterstützen das neu eingeführte ID-System. Per Smartphone können sich Nutzer nun ganz einfach mit jeder ihrer Banken verbinden und beispielsweise Kredite verlängern, indem sie die erforderlichen Dokumente wie Lohnbescheinigungen und Steuerbescheide digital freigeben. Die Datenhoheit behält jeder Nutzer, weil die Dokumente nicht von den Banken gespeichert werden.

Das vielleicht digitalste Land der Welt

»Wir haben eine digitale Gesellschaft gebaut«, wirbt Estland auf der Seite e-estonia.com stolz für die Errungenschaften der vergangenen zwanzig Jahre. Tatsächlich gilt das baltische Land als Vorreiter in der Nutzung digitaler Technologien zugunsten der Gesellschaft. 99 Prozent aller Verwaltungsangebote sind heute online verfügbar – selbst die Geburt eines Kindes kann den Meldebehörden vom heimischen Computer aus mitgeteilt werden.

2005 war Estland das erste Land der Welt, in dem Menschen online ihre Kommunalvertreter wählten, seit 2008 machen die Krankenhäuser Patientendaten den Betroffenen online zugänglich. So haben Ärzte auch in Notfällen dank einer App Zugriff auf die Krankheitsgeschichte eines Patienten. Die Sicherheit des Systems wird dabei in Estland wie auch in anderen Ländern durch die Blockchain-Technologie ermöglicht. Auch vor dem Schulsystem macht die Idee von der digitalisierten Gesellschaft keinen Halt: Schulnoten oder Hausaufgaben können jederzeit von Schülerinnen und Schülern sowie ihren Eltern digital eingesehen werden.

Illustration: Katharina Bitzl; Animation: Gui Athayde

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