Essay zur digitalen Identität

Mit unseren Smartphones, Tablets und Laptops erkunden wir die digitale Welt – und schaffen ein Bild unserer selbst: Wer sind wir online? Was tun wir dort? Was gewinnen wir dabei?

Als Steve Jobs Anfang 2007 das erste iPhone vorstellte, sprach er von einem revolutionären Produkt. »Wir haben das Telefon neu erfunden«, sagte er. »Das iPhone ist das Internet für die Hosentasche.« Mit­hilfe von Google Maps navigierte er, dort auf der Bühne stehend, zuerst zum Eiffelturm, dann zum Kolosseum. »Unglaublich!«, sagte er nicht nur ein Mal. Steve Jobs, der, das kann man so sagen, ein Mann der Visionen war, wird vermutlich geahnt haben, dass Smartphones das Fenster zum »digitalen Ich« werden würden. Weil wir sie immer bei uns tragen und fast alles mit ihnen machen: Kommunizieren. Spielen. Uns orientieren. Uns informieren. Dinge kaufen. Tickets lösen. Bezahlen. Und vieles, vieles mehr. So ein Smartphone weiß ziemlich gut, wer wir sind.

Dieses Wissen, wer man ist, wie sich das eigene Sein definiert, ist auch eine zentrale Frage der Philosophie. Und eine sehr schwierige dazu. Wer es schafft, einen einfachen Zugang zu dieser großen Frage zu ­finden, kann sich eines Bestsellers so gut wie sicher sein.

Dem norwegischen Autor Jostein Gaarder erging es so, als er ein Mädchen namens Sofie auf die Suche nach dem Ich schickte. Der ­Roman Sofies Welt, der Anfang der 1990er-Jahre erschien, verkaufte sich weltweit mehr als 40 Millionen Mal. Und als der Philosoph Richard David Precht sich und die Leserschaft fragte Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?, belegte das Sachbuch jahrelang die vorderen Plätze der deutschen ­Bestsellerlisten.

Identität ist das, was einen Menschen ausmacht: Das können physische Eigenschaften sein, beispielsweise der Abdruck eines Fingers, oder aber auch persönliche Daten wie Name und Geburtsdatum. In einem Personalausweis etwa werden solche Eigenschaften und Daten festgehalten, um darlegen zu können, dass es sich um eine bestimmte Identität handelt. Passend dazu spricht man im Englischen von »identity docu­ment«, also einem Identitätsdokument, kurz ID. Rund eine Milliarde Menschen weltweit haben keine solche ID. Sie haben eine Identität, doch ­nirgends ist festgehalten, wer genau sie sind, weder analog noch digital.

Das Netz als Selbstfindungsraum

Manche Länder gehen hingegen noch einen Schritt weiter. In Estland hat jeder Bürger eine elektronische Identität. Mit dieser hat er Zugang zu einem zentralen Verwaltungskonto, über das alle staatlichen Dienstleistungen – sei es die Steuererklärung oder die digitale Krankenakte – aufgerufen werden können. Ist man bereit, seine Organe zu spenden? Ja oder Nein, klick, fertig, eine lebensbewahrende Entscheidung wurde einfach übermittelt.

So beständig identitätsgebende Eigenschaften wie der eigene Fingerabdruck sind, so unbeständig ist die Identität selbst. Wir verändern uns, immer wieder aufs Neue. Identität ist Gegenwart, sie spiegelt die Jetztzeit.

Zu diesem stetigen Sich-Verändern kommt das Internet als weiterer (Selbstfindungs-)Raum hinzu. So wie wir uns in der realen Welt fortbewegen, so erkunden wir auch die virtuelle und formen ein digitales Ich. So wie in der realen Welt hinterlassen wir auch digital Spuren: Welche Webseiten wir besuchen und welche Apps wir verwenden, sagt viel darüber aus, was wir mögen und wer wir sind.

In den folgenden Beispielen erkunden wir unsere digitalen Aktionen und wie sie zu so etwas wie unserem digitalen Leben werden:

Kommunizieren und Arbeiten wird digital und persönlich

Erst wenn wir uns mit anderen austauschen, entwickeln wir eine Idee von uns selbst – sei es in echt, am Telefon oder digital

Identität sei die Summe von Beziehungen, heißt es in der Philosophie – und dass das Selbst durch Kommunikation entwickelt werde, als Ergebnis des Zusammenlebens mit anderen.

Überhaupt: Wir können uns unser Selbst nur durch die Beziehung zu anderen Menschen vorstellen. Wir müssen gespiegelt werden, um uns wahrnehmen zu können. Digitale Technik kann dabei helfen – einerseits über soziale Netzwerke wie zum Beispiel Facebook oder Twitter, die gesellschaftliche Strukturen digital abbilden, andererseits über Kommunikationstechnologie, mit der wir uns austauschen, ohne einander gegenüberzusitzen. Über Tausende von Kilometern hinweg können wir Partner, Großeltern, Freunde oder neue Bekannte im Videotelefonat treffen und gemeinsam mit Kollegen an Präsentationen arbeiten. Wir können Hangouts, Chats und Sprachnachrichten nutzen, um uns schnell und umstandsfrei abzustimmen. Und wenn wir sprachlich nicht weiterkommen, bitten wir Programme wie Google Übersetzer oder DeepL um Hilfe.

Orientieren und Finden wird digital und persönlich

Das Smartphone ermittelt unseren Standort und trägt dazu bei, dass wir uns schnell fortbewegen

Mithilfe des Standorts, den unser Smartphone ermittelt, finden wir schnell und zuverlässig unser Ziel – ganz egal, ob zu Fuß, mit dem Bus, mit dem Fahrrad oder im Auto. Die jeweilige Position kann mithilfe unterschiedlicher Sensoren bestimmt werden, zum Beispiel mittels der GPS-Funktion, die sich in jedem Smartphone befindet. Erst wenn der genaue Standpunkt klar ist, lässt sich auch der beste Weg zu einem Ziel berechnen. Der Superlativ »bester Weg« meint dabei meistens auch »den schnellsten aller Wege«.

Weltweit nutzen mehr als eine Milliarde Menschen Google Maps. Warum sollen wir auch herumirren, wenn wir den direkten Weg angezeigt bekommen können – inklusive möglicher Staus und Verkehrsverzögerungen fast in Echtzeit? Wie viel Zeit wir im Schnitt für eine mögliche Route benötigen, kann nur aufgrund vieler Daten ermittelt werden. Anders ausgedrückt: Gäbe es nicht die – stets anonymisiert zusammengeführten – Daten anderer NutzerInnen, würden wir keine präzise Aussage über Dauer und mögliche Verzögerungen erhalten.

Kaufen und Bezahlen wird digital und persönlich

Das Vertrauen in digitale Zahlungsprozesse wächst – und erleichtert Menschen weltweit Warentausch

Auch wenn Bargeld in Deutschland nach wie vor das am häufigsten genutzte Zahlungsmittel ist, begleichen immer mehr Menschen ihre Einkäufe oder Rechnungen, ganz ohne eine Münze oder einen Schein in die Hand zu nehmen. Bei uns ist zum Beispiel der Online-Bezahldienst PayPal sehr verbreitet. Aber auch mobile Bezahlangebote erfreuen sich in Deutschland immer größerer Beliebtheit. Dienste wie Google Pay ermöglichen schnelles und sicheres Bezahlen auf Websites, in Apps und in Geschäften. Die Transaktion kann dabei nach Wunsch von den Händlern auch personalisiert werden: Die Nutzer können zum Beispiel durch jede Zahlung im Rahmen von Treueprogrammen Punkte sammeln, mit denen sie weitere Angebote der Händler nutzen können. Vor allem in China ist der Zahlservice WeChat Pay populär, den Millionen von Menschen mithilfe ihrer Smartphones aus dem Messengerdienst WeChat heraus ansteuern und nutzen.

Lernen und Verstehen wird digital und persönlich

Auf Online-Plattformen bilden sich Menschen ganz nach ihrem Wissensstand und ihren Bedürfnissen weiter

Wer sich fragt, wie noch mal die Serie heißt, in der Jennifer Aniston zehn Jahre lang mitspielte; wer wissen will, wie der Dreisatz funktioniert; wer ein Gulasch kochen möchte, aber das Rezept nicht parat hat – das Internet kennt alle Antworten, sie sind nur eine Suche entfernt. Aber damit nicht genug. Das Internet ist zur Volkshochschule geworden. Ganze Plattformen wie »Coursera« oder »Udacity« vermitteln Fachwissen in allen nur denkbaren Branchen. Auf YouTube werden Strickkenntnisse ebenso gelehrt wie Gitarren-Know-how. Auf der Webseite der TED-Talks stehen alle Vorträge der Innovationskonferenz kostenlos zur Verfügung. So kann jeder Michelle Obama oder Greta Thunberg zuhören – letztere wurde mit ihrem Vortrag bei YouTube bereits mehr als vier Millionen Mal gesehen.

Spielen und Unterhalten wird digital und persönlich

Im Digitalen ist Unterhaltung so einfach verfügbar geworden wie nie – präzise zugeschnitten auf unseren Geschmack

Der Gründer des Internet-Streamingdienstes Netflix formulierte einmal das Geheimnis seines Angebots: »Unsere Website passt sich an den individuellen Geschmack des Nutzers an.« Mit jeder gesehenen Serie, mit jedem geschauten Film lernt Netflix mehr über die Vorlieben und auch die Abneigungen der Zuschauerinnen und Zuschauer. Entsprechend passen die Algorithmen die persönlichen Empfehlungen immer wieder aufs Neue an, um dem jeweils aktuellen Geschmack entgegenzukommen.

Inzwischen arbeiten viele weitere Dienstleister nach ähnlichen Prinzipien, sie heißen »Prime Video«, »Joyn«, »MagentaTV« und »Apple TV+«. Das Angebot der Streaminganbieter wächst und scheint unerschöpflich zu sein. Aber nicht nur Serien und Filme werden im Internet gestreamt: Google brachte kürzlich »Stadia« auf den Markt, eine Plattform zum Streamen von Videospielen. Auch Konsolen wie Playstation und Xbox lassen sich mit dem Internet verbinden – um Spielpartner aus aller Welt zu Hause zu empfangen.

Fotografie: Clique Images/Stocksy.com, Victor Torres/Stocksy.com, Sergio Marcos/Stocksy.com, Myrzik & Jarisch, Jose Louis Carrascosa/DEEPOL by plainpicture; Screenshot: Google Maps

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