Wege zur perfekten Balance

Eltern haben oft einen anderen Blick auf Onlinevideos als ihre Kinder. Medienpädagogen wollen die beiden Seiten näher zusammenbringen. Sie raten Erwachsenen zu mehr Gelassenheit – und verhelfen dem Nachwuchs zu einer kritischeren Haltung

Iren Schulz ist eine gefragte Frau. Als Medienpädagogin und promovierte Kommunikationswissenschaftlerin gibt sie regelmäßig Coachings und Interviews, hält Vorträge und Vorlesungen. Schulz, die Dozentin für den Masterstudiengang Kinder- und Jugendmedien an der Universität Erfurt ist, gilt als anerkannte Expertin ihres Metiers. Ihr Fachgebiet ist aber auch für Familien ein Dauerbrenner. Ob auf Elternabenden, bei gemeinsamen Ausflügen oder zu Hause: Sehr häufig geht es um unterschiedlichste Fragen rund um sinnvolle Mediennutzung.

Wie viel Medienzeit ist gut für mein Kind? Welche Kanäle sind empfehlenswert, wo lauern Gefahren? Wie stark müssen Eltern das Sehverhalten ihrer Kinder regulieren? Ein Dickicht an Fragen, in das Iren Schulz mit ihrem Angebot als Coach von SCHAU HIN! eine Schneise schlagen möchte. Die Initiative wird vom Bundesfamilienministerium, ARD und ZDF sowie der Programmzeitschrift TV Spielfilm gefördert.

Eine repräsentative Befragung der Frei­willigen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter e. V. (FSM) im Jahr 2017 ergab, dass sich drei Viertel aller Eltern Sorgen über das Onlineverhalten ihrer Kinder machen. Am meisten fürchten sie demnach, dass ihre Kinder Opfer von Cybermobbing und Datenklau werden und durch Bilder und Videos von Gewalt und Pornografie zu Schaden kommen könnten. Fast alle Eltern (94 Prozent) fühlen sich laut der Umfrage für den Schutz ihrer Kinder im Netz verantwortlich. Aber: Nur jeder zweite Erwachsene hält sich dafür mit ausreichend Internetkompetenz ausgestattet – bei den Jugendlichen sprachen sich dagegen 69 Prozent genügend Netzwissen zu.

Iren Schulz sieht diesen Befund durch ihren Berufsalltag bestätigt: »Ich erlebe häufig Eltern, die bezüglich Ernährung oder Verhalten im Straßenverkehr eine klare Position haben, die sie ihren Kindern vermitteln, im Hinblick auf Onlinevideos und das Netz generell aber verunsichert sind – weil sie damit nicht aufgewachsen sind.« Bei Kindern und Jugendlichen hingegen beobachtet sie häufig eine große Affinität für das Internet sowie ­ausgeprägte Technikkompetenz mit einem spielerisch-intuitiven Umgang. »Bei ihnen fehlt wiederum der kritische Blick, das reflektierte Hinterfragen der ­Inhalte.«

Die Medienpädagogin plädiert daher gerade in den Anfangsphasen für begleitetes Surfen im Netz. Doch wie viel Bildschirmzeit ist angemessen? Auf die Frage, die Iren Schulz mitunter am häufigsten begegnet, gibt es nicht die eine Antwort: »Das hängt immer vom persönlichen Entwicklungsgrad des Kindes ab.« Als Richtwerte nennt sie eine halbe Stunde pro Tag für Kinder bis fünf Jahre, von sechs bis neun Jahren maximal eine Stunde. Natürlich könne man bei Regen oder Krankheit auch mal eine Ausnahme machen. »Ab zehn Jahren schlage ich ein Wochenkontingent von einer Stunde pro Lebensjahr vor«, fügt sie hinzu.

So lernen Bilder laufen: Wenn Kinder und Jugendliche, zum Beispiel in Workshops, selbst an der Produktion von Videos beteiligt sind, entwickeln sie ein besseres Verständnis vom fiktionalen Gehalt in Filmen.

Medienkompetenz durch Trickfilme

Gerade für jüngere Kinder eignet sich aus ihrer Sicht YouTube Kids als Videoplattform. Das Angebot wurde speziell für Kinder entwickelt, damit sie in einem eingeschränkten, altersgerechten Rahmen die Videos ansehen können, die sie am meisten interessieren. Wenn es um reguläre Videoplattformen wie YouTube geht, rät Schulz den Eltern, unbedingt dabei zu sein, wenn ihre Kinder dort die ersten Schritte unternehmen. Das gelte auch für Onlinespiele wie zum Beispiel Fortnite. Bevor man als Elternteil ein Verbot ausspreche, solle man zunächst das Spiel selbst ausprobieren – um dann gemäß der eigenen Einschätzung zu handeln: »In der Regel haben Eltern ein sehr gutes Gespür dafür, was ihren Kindern schadet – und was nicht«, lautet das Fazit der Medienpädagogin. Das erfordere aber auch genaues Hinsehen und den ständigen und vertrauensvollen Austausch mit den Kids.

Auf Seiten der Kinder und Jugendlichen ist hingegen kritisches ­Reflexionsvermögen gefragt, wenn es um Onlinevideos gilt. Dörte Stahl fördert diese Art der Medienkompetenz, indem sie in Workshops an ­Jugend- und Freizeitzentren mit Kleingruppen kurze Filme erstellt. Die medienpädagogische Projektleiterin aus Essen will so im Rahmen des Programms »Kultur trifft Digital« mehr Bewusstsein bei Kindern und Jugendlichen für Entstehungsprozesse von Videos schaffen.

»Besonders gern arbeite ich mit Trickfilm«, verrät Stahl, »weil so die Kinder hautnah erleben, wie leicht sich visuelle Darstellung manipulieren lässt.« Bei ihren Workshops entstehen durch die Zuhilfenahme von Tablet-Computern und Stativen Filme, in denen Bücher wie von Zauberhand zu laufen anfangen, Knetfiguren ihre Gestalt ändern oder auch einmal ein trister modellhafter Ort zu einem kleinen Paradies wird. Mittels Montagetechnik sprechen Kinder in den Videos mit Legofiguren oder schrumpfen auf Steckdosengröße und rufen dann dem Betrachter ein freudiges Hallo! zu. »Die Kinder entwickeln so schon im jungen Alter ganz von selbst ein Verständnis vom fiktionalen Gehalt in Videofilmen«, sagt die Projektleiterin. Auch andere Facetten wie strukturiertes Storytelling, der Umgang mit verschiedenen Video-Apps und natürlich die Team­arbeit werden im Workshop erlernt und gestärkt.

Auch bei den Kreativhelden geht es darum, die Fähigkeit zur kritischen Distanz zu entwickeln. Das Angebot richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene und beleuchtet durch die Arbeit in bis zu einjährigen Videoprojekten zentrale Fragen Heranwachsender: Wer bin ich, wofür stehe ich, was möchte ich tun? Henrike Boy, Projektleiterin des Bereichs »Kunst & Kabel« bei den Kreativhelden, ist dabei ein Aspekt besonders wichtig: »Die sozialen Medien erzeugen für Jugendliche oft einen enormen, aber gleichzeitig sehr subtilen Leistungsdruck: Wie viele Likes kassiere ich für meine Posts?«

Mit der Videoarbeit möchten Boy und ihr Team den jungen Menschen helfen, ihr zum Teil unbewusstes Streben nach Anerkennung zu entlarven und damit produktiv umzugehen: »Durch die Filmentwicklung setzen wir kreatives Potenzial frei«, sagt sie. »Videos eignen sich perfekt, um einen eigenen Ausdruck zu erlangen und so ein größeres Selbstwertgefühl zu entfalten.« Die Erfolgsgeschichte ­eines ehemaligen Workshop-Teilnehmers, der es vom Förderschul­niveau zum Abitur geschafft habe, führt Boy auch auf die medienpädagogische Arbeit zurück. Sie freut sich über den Werdegang des jungen Mannes: »Bei uns hat es ihm immer Spaß gemacht, kleine Vorschaubilder, sogenannte Thumbnails, zu gestalten – nächstes Jahr wird er anfangen, Grafikdesign zu studieren.«

Viele Eltern machen sich Sorgen um das Onlineverhalten ihrer Kinder – aus Angst vor Cybermobbing, Datenklau, zu viel Bildschirmzeit und gewalttätigen oder pornografischen Inhalten. Die besten Gegenmittel laut Experten: genaues Hinsehen und ein vertrauensvoller Austausch zwischen Kindern und Eltern.

Medienpädagogische Initiativen


Schau hin!

Die Initiative hilft Familien bei der Medienerziehung – unter anderem mit Blick auf soziale Netzwerke, Onlinevideos und Games.
schau-hin.info

FSM e. V.

Die Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter e. V. engagiert sich für den Jugendschutz in Onlinemedien.
fsm.de

kreativ-helden

Die Initiative besucht mit ihren Workshops Jugendzentren und veröffentlicht Videos auf YouTube.
diekreativhelden.jfc.info

Kultur trifft Digital

Das Projekt ermöglicht bildungsbenachteiligten jungen Menschen das Erleben und Gestalten kultureller Werke mithilfe digitaler Medien.
kultur-trifft-digital.de

Illustration: Lilly Friedeberg; Animation: Simon Walter; Fotografie: Delf Zeh
Quelle Studie: https://www.rat-kulturelle-bildung.de/fileadmin/user_upload/pdf/Studie_YouTube_Webversion_final.pdf

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