Wir erleben einen Digitalisierungsschub

Zwischen Selbstbewusstsein und Sorge: ver.di-Vorstand Frank Werneke über die Auswirkungen der Krise auf die Angestellten und neue Perspektiven durch onlinebasiertes Lernen

Herr Werneke, Sie sind erst seit vergangenem September Vorsitzender von ver.di. Den Beginn ihrer Amtszeit haben Sie sich vermutlich etwas anders vorgestellt, oder?

Na ja, der Beginn war eigentlich noch so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Schlagartig geändert hat sich das ab der zweiten Märzwoche, als nach und nach die Shutdown-Maßnahmen beschlossen wurden. Am Freitag, dem 13. März, war ich im Kanzleramt. Die Bundeskanzlerin hatte die Spitzen von Wirtschaft und Gewerkschaften eingeladen. In das Treffen hinein prasselten neue Entwicklungen, die Ankündigung von Grenzschließungen und alarmierende Meldungen aus Italien. Es war der Beginn einer Entwicklung, die uns alle, mich eingeschlossen, unerwartet und damit auch weitgehend unvorbereitet getroffen hat.

Sie vertreten rund zwei Millionen Mitglieder, von denen viele unter den Folgen der Corona-Krise leiden. Gibt es Einzelschicksale, die Sie besonders betroffen gemacht haben?

Die Hälfte unserer Mitglieder arbeitet in systemrelevanten Berufen, etwa im Gesundheitswesen, in der Pflege oder im Lebensmittelhandel. Hier ging es für uns in den ersten Wochen der Krise vor allem darum, den Arbeitsschutz zu verbessern und möglichst auch für eine finanzielle Anerkennung zu sorgen. Für die 1,2 Millionen Beschäftigten in der Altenpflege konnten wir einen einmaligen Bonus von bis zu 1500 Euro pro Person durchsetzen. Es bleibt aber noch viel zu tun. Und immer wieder erreichen uns Fälle, die mich richtig wütend machen. Zum Beispiel, wenn einer Kollegin, die als Reinigungskraft bei der Tochtergesellschaft einer Klinik angestellt ist, auf dem Höhepunkt der Pandemie völlig unrealistische Vorgaben gemacht werden, wie schnell sie ein Zimmer zu reinigen hat. Schon in normalen Zeiten ist das nicht möglich, wenn die Hygienevorschriften eingehalten werden sollen. In Zeiten der Pandemie können solche Vorgaben aber tödlich wirken.

Gewerkschaften wurden schon lange nicht mehr so sehr gebraucht wie jetzt

Frank Werneke

Überwiegt bei den Beschäftigten in systemrelevanten Berufen der Stolz, Außergewöhnliches zu leisten? Oder der Frust, dass diese Leistung nicht immer ausreichend anerkannt wird?

Der Stolz und das Selbstbewusstsein ist bei vielen Menschen gewachsen. Aber ich nehme auch die Sorge wahr, dass sich an ihren Einsatz in einem halben Jahr niemand mehr erinnert. Erst recht nicht, wenn die nächsten Tarifverhandlungen beginnen. Ich teile übrigens diese Skepsis, so wohltuend heute der Applaus ist. Verbesserte Arbeitsbedingungen und höhere Einkommen werden wir uns auch in der Zukunft erkämpfen müssen.

Und wie ergeht es der anderen Hälfte Ihrer Mitglieder, die nicht in systemrelevanten Berufen arbeiten?

Viele waren und sind noch massiv von Kurzarbeit betroffen. Es geht hier um Menschen, die zum Beispiel im Einzelhandel arbeiten, an Flughäfen, in der Touristikbranche, der Kulturwirtschaft oder im Bildungsbereich. Wenn plötzlich bis zu 40 Prozent des Gehalts wegbrechen, ist das für alle hart. Für Menschen, die wenig verdienen und in ihren Berufen zum Teil auch auf Trinkgeld angewiesen waren, wird es aber schnell existenzbedrohend.

»Digitalisierung kann helfen, Umbrüche zu gestalten – übrigens auch solche, die sie selbst ausgelöst hat«: Ein Blick auf die ver.di-Zentrale in Berlin.

Wie hilft ver.di ihnen?

Gewerkschaften wurden schon lange nicht mehr so sehr gebraucht wie jetzt. Wir führen jeden Tag Tausende von Beratungsgesprächen durch. Bei unseren Mitgliedern gibt es einen hohen Bedarf an individueller Unterstützung, manchmal auch einfach an Zuspruch. Auf der anderen Seite geht es darum, politische Entscheidungen zu beeinflussen. Nehmen Sie das Kurzarbeitergeld. Unser erster Ansatz ist es gewesen, die 60 Prozent durch die Arbeitgeber auf 80 oder 90 Prozent aufstocken zu lassen. Das ist uns in vielen Fällen gelungen, aber eben nicht in allen. Deshalb haben wir uns im politischen Bereich dafür eingesetzt, Kurzarbeitergeld auch gesetzlich anzuheben. Mit Erfolg, auch wenn ich mir eine weitergehende Regelung für Menschen mit niedrigen Einkommen gewünscht hätte.

Eines der Themen, das Ihnen besonders am Herzen liegt, ist die Digitalisierung. Hat sich Ihr Blick auf die mit ihr verbundenen Chancen und Gefahren durch die Krise verändert?

Wir erleben durch die Krise einen Digitalisierungsschub. Das ist Segen und Fluch zugleich. Natürlich helfen Videokonferenzen und vernetztes Arbeiten. Und vieles von dem, was wir uns jetzt an digitaler Kommunikation und an Vernetzung erschließen, wird auch nach der Krise bleiben. Andererseits darf man aber nicht vergessen, dass die Mehrzahl der Menschen keine 100-Quadratmeter-Wohnung hat, in der sie in Ruhe arbeiten kann. Die meisten Beschäftigten sind froh, wenn sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehren.

Verdi Frank Werneke

Viele Menschen nutzen digitale Angebote, um sich fortzubilden. Kann das helfen, den Umbruch zu gestalten?

Digitalisierung kann helfen, Umbrüche zu gestalten – übrigens auch solche, die sie selbst ausgelöst hat. Zusammen mit Google und verschiedenen Industrie- und Handelskammern entwickeln wir deshalb im Rahmen der »Zukunftsoffensive« entsprechende Lernmodule, die den Transformationsprozess in ausgewählten Branchen begleiten. In der Versicherungswirtschaft etwa führen digitalisierte Prozesse dazu, dass der klassische Sachbearbeiter nicht mehr in gleichem Umfang benötigt wird. Dafür entstehen neue Jobs im Bereich der IT-Systeme. Online-basierte Weiterbildung kann helfen, die Mitarbeiter in dieser Situation für neue Tätigkeiten zu qualifizieren. Das gilt vom Grundsatz her auch in der Krise. Digitale Angebote sind eine Chance, sich auf die Zeit nach Corona vorzubereiten.

Wie nutzt ver.di diese Chance?

Bei ver.di etwa können unsere Beschäftigten an Webinaren teilnehmen, viele Angebote sind unter diesen besonderen Bedingungen entstanden. Dabei geht es um Schulungen im Rahmen unserer Organisationsentwicklung, um Software-Skills, aber auch um politische Bildungsarbeit. Und diejenigen, die in unserer Mitgliederberatung tätig sind, qualifizieren wir gerade digital zu Themen wie Kurzarbeitergeld oder Insolvenz weiter. Das klappt ganz gut.

Wenn Sie sich etwas für die digitale Welt wünschen könnten, was wäre es?

Für große Gruppen finde ich die Videokonferenzen noch immer nicht optimal. Entweder sehe ich 30 oder 40 Minibildchen, auf denen ich die Teilnehmer kaum erkennen kann. Oder aber ich sehe nur den Sprecher und vielleicht vier, fünf weitere Teilnehmer, weiß aber nicht, wer sonst noch dabei ist. Das wäre schon schön, wenn jemand dieses Problem mit einer guten Idee lösen würde.

DIGITALE WERKZEUGE

»Digital qualifizieren. Maximal weiterkommen.« Unter diesem Motto entwickelten die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, die Industrie-und Handelskammern München und Oberbayern und Düsseldorf sowie die Google Zukunftswerkstatt die »Zukunftsoffensive: Basisbox«, ein Paket mit kostenfreien Grundlagentrainings wie zum Beispiel »Webentwicklung in 30 Minuten«, »Big Data und Algorithmen« oder »Herausforderungen im Management der digitalen Transformation«.

Fotografie: Robert Rieger

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