Typisch hanseatisch

Hamburger Unternehmen gehen die Digitalisierung entspannt und pragmatisch an. Das zahlt sich in vielen Branchen längst aus

Die Büroflure wirken wie ein Mix aus moderner Kunstgalerie und Museum. An den Wänden abstrakte Gemälde, dazwischen stehen historische Waagen und Geräte zum Messen der Körpergröße. Das sind die Produkte, mit denen beim Hamburger Hersteller Seca vor fast 180 Jahren alles begann. Heute ist das mittelständische Unternehmen Weltmarktführer im Bereich medizinischer Messsysteme und Waagen. Um den Vorsprung zu sichern, setzt Seca voll auf die Digitalisierung der Produkte – und verknüpft dabei das Alte mit dem Neuen.

Seca ist ein Familienunternehmen in vierter Generation, gegründet 1840 im Hamburger Stadtteil Wandsbek als Manufaktur für Handels- und Personenwaagen. Seit den 1970er-Jahren konzentriert sich der Hersteller auf den hoch spezialisierten Markt der medizinischen Waagen und Messsysteme für Krankenhäuser und Arztpraxen. Seca exportiert in mehr als 110 Länder, der Weltmarktanteil liegt bei mehr als 50 Prozent. Zum Sortiment gehören mehr als 100 Produkte, von der Babywaage bis zum Analysegerät, das beim Wiegen des Patienten andere Gesundheitswerte gleich mit ermittelt.

Wenn Mitarbeiter ihr Wissen einbringen können, fühlen sie sich als Teil der Digitalisierung

Merlin Müller Chef der Spedition Sitra

Das Besondere an den Geräten: Über eine Software speichern sie die gesammelten Daten – von Körpertemperatur und Blutdruck über Blutsauerstoffgehalt bis hin zu Anteil und Verteilung von Muskelmasse, Fett und Wasser – und verbinden sie mit Werten aus anderen Apparaten. »Durch das digitale Vernetzen der Medizintechnik entsteht ein System, das die Abläufe im Krankenhaus sicher und schneller macht«, sagt Seca-Geschäftsführer Robert Vogel.

Digitale Produkte zu fertigen, das transformiert auch Seca. »Wir sind vom reinen Waagenhersteller zu einem Software- und Systemanbieter geworden«, sagt sein Bruder, Geschäftsführer Frederik Vogel. Es bedeutet: Seca entwickelt die Software, integriert die Geräte in die IT-Struktur der Kunden, kümmert sich um Wartung, Updates, Service. 40 neue Software-Experten hat Seca dafür eingestellt.

Mobilität: Hamburg auf der Poleposition

Viele Städte wollen zur Smart City werden, in der Verkehr dank digitaler Hilfe besser fließt.Hamburg ist Vorreiter: Vor Stuttgart und Berlin ist Hamburg in Sachen Digitalisierung der Mobilität die modernste deutsche Stadt. Auch im öffentlichen Nahverkehr: Mehr als eine Million Hamburger nutzen die App der Hamburger Verkehrsverbund GmbH.

Seca gehört zu den Hamburger Traditionsunternehmen, die den digitalen Wandel als Chance begreifen, sich um das Kerngeschäft herum neu zu erfinden. Mehr als 92 000 steuerpflichtige Unternehmen haben der Handelskammer zufolge ihren Sitz im Bundesland Hamburg, bei 90 Prozent von ihnen beeinflusst die Digitalisierung die Geschäfts- und Arbeitsprozesse. Das gilt nicht nur für die in Hamburg ansässigen großen Player wie Flugzeugbauer Airbus, Kosmetikproduzent Beiersdorf oder den Handelskonzern Otto Group. Auch kleine Mittelständler treiben den digitalen Wandel voran.

Ein helles Büro in einem Gewerbegebiet im Stadtteil Veddel südlich der Elbe. Merlin Müller, Chef der Spedition Sitra, sieht von seinem Schreibtisch aus die Elbphilharmonie, Hafenkräne, Containerschiffe, das perfekte Hamburg-Panorama. Sitra operiert in einer Nische, als Logistikdienstleister übernimmt die 40-Mitarbeiter-Firma Transportfahrten für große Speditionen und Expressaufträge von Industriekunden. Müllers Vater hat die Spedition gegründet, 2014 übernahm der Sohn. Der junge Chef ließ das Papieraktenarchiv digitalisieren, dann kamen Smartphones, dann Homeoffice. »Alles nichts Revolutionäres«, sagt er, »aber die Mitarbeiter merkten schnell, wie stark sie von der neuen Arbeitsweise profitieren.«

START-UP-Kultur

Neues aus der Gründerszene

Kräftige Finanzspritze

Allein 2018 wurden Hamburger Start-ups mit 548 Millionen Euro finanziert.

Branchenverteilung

von Start-ups

Gutes Klima

40 Prozent aller Gründer finden Hamburg als Standort sehr gut, 58 Prozent eher gut. Lediglich zwei Prozent senken den Daumen.

Größtes Digitalprojekt bisher ist eine App, über die Sitra bald alle Transporte managt. Müllers Team hat sie mitentwickelt, hat sich die Software auf die eigenen Aufgaben hin maßgeschneidert. Buchhaltung und Verwaltung haben plötzlich produktive Aufgaben: Anstatt Auftragsdaten nur zu verwalten, werten die Mitarbeiter sie für die Kunden auch gleich aus – ein Wettbewerbsvorteil für Sitra. Müller sieht seine Leute als zentrale Figuren des digitalen Wandels: »Wenn Mitarbeiter ihr Wissen und ihre Ideen einbringen können, fühlen sie sich als Teil der Digitalisierung, die typischen Ängste vor Unbekanntem schwinden. Wandel funktioniert nur, wenn das Team wirklich Lust hat mitzugehen.«

Mobil machen Hamburgs Mittelständler auch in einem anderen zentralen Punkt der Digitalisierung: indem sie über Probleme und Erfolge sprechen. In der Hamburger Dialogplattform Industrie 4.0 tauschen Unternehmen Wissen und Erfahrungen aus. Dabei lernen Große oft von Kleinen und Alte von Jungen. Denn das Netzwerk sieht sich auch als Kontaktbörse, die etablierte Firmen mit Start-ups zusammenbringt. Elektrotechnikspezialist Pfannenberg etwa fand so das Software-Start-up Cybus, mit dem der Hersteller nun seine digitalen Kundendienste ausbaut.

Bildung: Computer für den Unterricht

Im bundesweiten Durchschnitt müssen sich an den Schulen gut 11 Schüler einen Computer teilen. In Hamburg sieht es besser aus: Dort kommt statistisch ein Gerät auf 5,4 Schüler.

Nach Berlin ist Hamburg Deutschlands beliebtester Start-up-Standort. 17 Prozent aller Jungunternehmen aus Deutschland haben einer Erhebung von Ernst & Young zufolge ihren Sitz an der Elbe, es sind vor allem Dienstleister und Onlinehändler. Hamburgs Start-up-Ökosystem hat besonders viele Acceleratoren und Inkubatoren sowie Risikokapitalgeber, Business Angels und Seriengründer – darunter Lars Hinrichs (XING), Heiko Hubertz (Bigpoint) und Stephan Uhrenbacher (Qype, 9flats). Statistik-Dienstleister Statista, Partnerbörse Parship und Fahrtenvermittler mytaxi wurden in Hamburg gegründet. Zu den neuen, erfolgreichen Namen in der Start-up-Szene gehören Bio-Lutions, ein Hersteller von Verpackungen aus Agrarabfällen, Cargonexx, Entwickler eines Lkw-Transportnetzes mit künstlicher Intelligenz, und das Start-up Qualitize, Erfinder von Touchpoint-Marktforschungstools.

Geht es allerdings konkret um Gründungen in innovativen Branchen wie im Bereich Digitaltechnik, steht das Bundesland Hamburg auf dem letzten Platz in Deutschland. Hamburg ist nicht so schnell, so bunt, so laut wie Berlin. Gründer schätzen an Hamburg andere Attribute.

»Es gibt für jedes Produkt einen Markt, die nötigen Unterstützer, ehrliche Kritik und die Möglichkeit, über die Grenzen Hamburgs hinaus zu denken«, sagt Alexander Kaiser, Gründer und CEO von w3alpha GmbH. »Der Hamburger hält zu Trends zunächst etwas Distanz, hat er sich aber erst einmal von ihnen überzeugt, dann steht er mit Herz und Seele dahinter. Dynamik und Vielfalt innerhalb der Start-up-Szene in Hamburg finden immer mehr Anklang bei Traditionsunternehmen, und so ergeben sich zunehmend Anknüpfungspunkte, wo man einander hilft und lernt.«

Hier gibt es ehrliche Kritik und die nötigen Unterstützer

Alexander Kaiser CEO w3alpha GmbH

Auch der Hamburger Hafen und die mit ihm eng verbundene Logistikbranche setzen auf Kooperationen mit jungen Gründern. Digital Hub Logistics heißt eine von der Stadt Hamburg gegründete und von Unternehmen finanzierte Initiative, die Start-ups mit Entscheidern aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zusammenbringt. Immer dabei sind Hamburgs Hafenbehörde namens Hamburg Port Authority (HPA) und die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA). Beide arbeiten daran, die Verkehrs- und Warenflüsse im Hamburger Hafen mit Digitaltechnik effizienter zu machen, das Internet der Dinge und Big Data sind die großen Themen. Viele Ideen und Projekte sind allerdings in der Testphase, im Vergleich mit Konkurrenzhäfen wie etwa dem niederländischen Rotterdam hinkt der Hamburger Hafen in Sachen Digitales noch hinterher.

Beim Digitalisieren der Mobilität hingegen hat Hamburg die Nase vorn. »In kaum einem Bereich werden intelligente Technologien gegenwärtig so vielfältig eingesetzt wie im Verkehrsbereich«, urteilt die Wirtschaftsberatung PricewaterhouseCoopers (PwC). Auf die Verkehrs­lage reagierende Ampeln, Echtzeitinformationen für Fahrgäste in Bussen und U-Bahnen, Parkleitsysteme – vieles läuft bereits digital. Auch in den Bereichen Kultur und Tourismus, beides wichtige Branchen der Stadt, ist der digitale Wandel bereits weit. Ein großer Teil der Exponate der Hamburger Museen ist schon virtuell zu besichtigen, allein die Hamburger Kunsthalle hat 15 000 Zeichnungen und Druck­grafiken online gestellt.

Wie beliebt Hamburg bei Künstlern und Kreativen ist, zeigt sich jedes Jahr im September: Die NEXT, Deutschlands Leitkonferenz für die Digitalwirtschaft, findet parallel zu Deutschlands größtem Club­festival, dem Reeperbahn Festival, statt. Und das OMR Festival hat sich weltweit zu einem der größten Veranstaltungen für digitales Marketing entwickelt.

Große Konzerne, Mittelstandsunternehmen, eine lebendige Kulturszene – Hamburg wird digital. Schritt für Schritt, wohlüberlegt, nichts überstürzt. Eben typisch hanseatisch.

Illustrationen: Julia Krusch; Quellen: Seca, Nebenan, Startup Monitor Hamburg, Ernst & Young, PwC, hamburg.de, Museum für Kunst und Gewerbe, Pressestelle HVV

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