Schau mal

Eine Sprache lernen, die innere Ruhe finden, Politik verstehen oder einfach spannend unterhalten werden: Menschen gucken aus unterschiedlichsten Gründen Onlinevideos. Einige erzählen hier davon

VIOLETTA SONTOWSKA, 32, TEAMASSISTENTIN, MIT NOAH, 6

Tierischer Spaß

Mein Sohn ist sechs Jahre alt und liebt Naturdokumentationen, zum Beispiel von »National Geographic« oder »Animal Planet«. Auch Prankvideos, in denen Leute einander Streiche spielen, mag er gern. Diese Dinge darf er manchmal gemeinsam mit mir über meinen YouTube-Account schauen. Wenn wir zufällig auf etwas stoßen, das für Kinder nicht geeignet ist, erkläre ich ihm genau, warum er sich diesen Inhalt nicht ansehen darf.

ANDREAS ULLRICH, 29, COACH UND PERSONAL TRAINER

Stets in Bewegung

Ich schaue über YouTube vor allem Motivationsvideos und höre Musik. Meistens spiele ich die Clips über mein Smartphone ab und verbinde es mit kabellosen Kopfhörern – so kann ich nebenbei auch einkaufen oder Wäsche aufhängen. Seit Kurzem lade ich auch selbst Videos hoch – inzwischen sind es mehr als 50 Stück. Warum? Ich möchte Menschen zu mehr Bewegung verhelfen und mir mit einem eigenen Kanal ein drittes Standbein aufbauen.

KARIMA ISMAEL, 18, ANGEHENDE FLORISTIN

Von Ost bis West

Ich liebe Mangaserien, vor allem aus Südkorea und Japan – weil sie superromantisch, um nicht zu sagen kitschig sind. Auf YouTube ­finde ich einige von ihnen mit englischen Untertiteln, wie zum Beispiel »Boys Love«. Ansonsten folge ich den Amerikanern Danny Gonzalez und Kurtis Conner, weil ihre Videos einfach so lustig und unterhaltsam sind. Die Plattform ist quasi auch mein Tor in die Welt, nach West und Fernost gleichermaßen.

JOSÉ MANUEL RUIZ, 38, BAUZEICHNER

Locker Lernen

Ich bin erst seit drei Jahren in Deutschland und arbeite beständig daran, mein Deutsch zu verbessern. Ein bisschen helfen mir dabei Nachrichten, die ich regelmäßig über die Tagesschau-App sehe. Vor allem aber lerne ich über die YouTube-Kanäle von Peter Heinrich und Henry de todoaleman. Henry richtet sich gezielt an spanischsprachige Lernende. Mir gefällt die frische und lockere Art, wie beide die schwierige deutsche Grammatik vermitteln.

CHRISCHA OSWALD, 34, KÜNSTLERIN

Keine Kunst, Kunst zu finden

Die meisten Videos, die ich mir online ansehe, werden mir über die sozialen Medien vorgeschlagen. Weil ich dort vor allem mit Menschen befreundet bin, die ähnlichen Interessen nachgehen, sind das hauptsächlich Videos zu kulturellen und gesellschaftlichen Themen. Außerdem habe ich eine spezielle Streamingplattform namens »Mubi« abonniert, über die ich mir sorgfältig kuratierte Filmklassiker und Arthouse-Movies ansehe. Wenn ich zu irgendetwas eine Hilfestellung benötige, schaue ich gern entsprechende Tutorials bei YouTube. Hier finde ich praktisch alles: von Hilfe bei Computerproblemen bis zur Anleitung für die perfekte Bücherfadenheftung. Auch für Interviews mit allen möglichen Menschen oder zu Themen, die mich gerade stärker beschäftigen, konsultiere ich YouTube ganz gern.

TJARKE STOEPPER, 18, SCHÜLER

Ehrlich, direkt und nah am Menschen

Weil ich politisch sehr interessiert bin, schaue ich mir gerne den YouTube-Kanal »Jung & Naiv« von Tilo Jung an. Seine Videos bringen mir Politik näher – und zwar auf eine sehr direkte und ehrliche Art. Die Fragen sind so klar und einfach, dass der Interviewpartner nicht ausweichen oder um den heißen Brei herumreden kann, wie es so oft in Talkshows der Fall ist – das gefällt mir sehr. Das »Y-Kollektiv« geht in eine ähnliche Richtung: Die Doku-Videos der jungen Journalistinnen und Journalisten sind wirklich nah dran an den Menschen, über die sie berichten. Abgesehen davon, schaue ich mir ganz gerne Produkttests auf YouTube an, vor allem diejenigen von Peter McKinnon oder Dave Lee. Meinen Computer, meine Kopfhörer und meine Kamera habe ich auf der Basis von Vergleichs­videos gekauft – und bin damit sehr zufrieden.

ANDREA HEINZINGER, 53, INHABERIN EINER TEXTAGENTUR

Mehr als genug

Wenn ich online Videos anschaue, bin ich fast ausschließlich in den Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen unterwegs, hin und wieder nutze ich auch Amazon Prime Video und Net­flix. Aber in den Mediatheken finde ich eigentlich alles, was mich interessiert: Dokus, alte italienische Filmschätze, den »Tatort« oder einfach gutes Autorenkino. Die riesige Auswahl auf offenen Videoportalen überfordert mich dagegen etwas – ich habe ja gar nicht die Zeit, nur einen Bruchteil davon zu sehen.

ANDREAS UTECH-JAURIS, 57, TAXIUNTERNEHMER

Hilfe im Haushalt

Immer wenn wir bei technischen Fragen im Haushalt nicht weiterwissen, gehen meine Frau und ich ins Internet. Mithilfe der kleinen Videos konnten wir schon den Schwimmer in der Toilettenspülung austauschen und den verstopften Siphon in der Küche reparieren. Ich selbst würde zwar keine Videos ins Netz stellen, finde es aber sehr erfreulich, dass es sie gibt – schließlich sind Handwerker schwer zu bekommen und meistens teuer.

ALEXANDER LITSCHKA, 35, DIGITAL CONTENT MANAGER

Die gute alte Zeit

YouTube ist für mich eine riesengroße Fundgrube für ältere TV-Serien und Zeichentrick­filme. Meiner dreijährigen Tochter zeige ich zum Beispiel gern die Originale von »Biene Maja« oder »Pumuckl«. In den Mediatheken findet man meist nur die neueren Versionen. Denen fehlt, wie ich finde, ein bisschen die Seele. Ich selbst sehe mir gern alte Folgen von »Domian« an, jenem Talk, in dem die Menschen authentisch von ihren Nöten und Sorgen berichteten. Das habe ich schon als Jugendlicher verfolgt.

EMILIANO DELLE NOCI, 45, KELLNER

Videos im Winter

Auf Netflix schaue ich gerne Dokus über Gesundheit, Kochen und Ernährung. Richtig begeistert hat mich zuletzt »What the Health«, aber auch die Science-Fiction-Serie »Sense8«. Ich bin saisonaler Gucker, im Sommer bestelle ich das Abo der Streamingplattform oft ab, im Winter verbringe ich mehr Zeit vor dem Bildschirm. Über Facebook erreichen mich viele Clips aus den Bereichen Fitness und Sport sowie Videos von gesellschaftlicher Relevanz – etwa über die Situation in meiner Heimat Italien.

EVGENIA ROUDNIKLI, 34, KOSMETIKERIN UND UNTERNEHMERIN

Völlig entspannt

Ohne Scherz, YouTube hat mir geholfen, meine eigene Mitte zu finden. In der Suchleiste gebe ich zum Beispiel »Klangmeditation« ein, schließe dann die Augen und entspanne mich. Diese Meditationen sind inzwischen zu einem festen Tagesritual geworden. Ich meditiere mindestens zehn Minuten pro Tag – meistens auf der Yoga-Matte oder dem Sofa. Das Schöne: Es gibt immer wieder neuen Input, weil so viel verschiedene Videos existieren.

CHRISTIAN WOLF, 47, SOFTWAREENTWICKLER

Spannender als Sportsendungen

Worin liegt der Reiz, anderen Menschen online beim Gaming zuzu­sehen? Für mich ist das ein bisschen wie »Sportschau« gucken, nur spannender – weil die Videospiele abwechslungsreicher und über­raschender sind. Über die Games-Plattform »Twitch« folge ich vor allem zwei Spielern: Will Smith, nicht zu verwechseln mit dem Schauspieler, der in »PlayerUnknown’s Battlegrounds« darum kämpft, von hundert Spielern der letzte Über­lebende einer Insel zu sein. Und Scott Manley, der beim Spielen des ­»Kerbal Space Program« sein ganzes astrophysisches Wissen auspackt. Dieses Spiel bietet eine relativ realistische Abbildung von Weltraum- und Raketentechnik. Ansonsten habe ich etwa 50 YouTube-Kanäle abonniert, das ist über die Jahre immer mehr geworden. Den Fernseher mache ich nur noch sehr selten an, online finde ich einfach leichter genau die Dinge, die mich interessieren.

Fotografie: Lara Freiburger (16), Rodrigo Cardoso, Melina Mörsdorf (2)

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