Aus anderer Perspektive

Sie drehen Filme und entwickeln dabei neues Selbstbe­wusstsein: Mittels »Participatory Video« können gesellschaft­liche Randgruppen ihre Geschichten selbst erzählen

Als Marleen Bovenmars im Februar 2015 loszog, um in Oxford – einer der Städte mit den höchsten Immobilienpreisen Englands – eine Kamera an Obdachlose zu übergeben, hatte sie keine konkrete Vorstellung. Keine Idee, wie der Dokumentarstreifen am Ende aussehen sollte. Ganz klar war ihr jedoch, wie die Dreharbeiten ablaufen würden: auf Augenhöhe mit den Obdachlosen, die selbstbestimmt über den Film entscheiden sollten. Und die jederzeit ein Veto einlegen durften, wenn sie bestimmte Passagen später nicht im Film sehen wollten.

»Ich helfe den Menschen dabei, genau den Film zu machen, den sie machen möchten«, erklärt die Niederländerin ihre Arbeit. Und so müsste es in Bovenmars Fall korrekterweise heißen, dass sie einen Film nicht über, sondern mit Obdachlosen gedreht hat. Dieser Anspruch ist es auch, der die Filmemacherin dem Genre des »Partici­patory Video« (kurz: PV) zugehörig macht, einer filmischen Gattung, deren Wurzeln in den 1960er-Jahren liegen.

Für Participatory Video hat sich im Deutschen bislang kein eigenständiger Begriff durchgesetzt, am ehesten könnte man den Terminus wohl mit »teilhabebasierte Filmproduktion« übersetzen. Neben dem partizipativen Element bei der Videoproduktion ist ein weiterer Aspekt allen PV-Arbeiten gemein: Es geht immer um gesellschaftliche Randgruppen.

Ich helfe den Menschen dabei, genau den Film zu machen, den sie machen möchten

Marleen Bovenmars InsightShare

Bovenmars, die in Holland kulturelle Anthropologie und Entwicklungssoziologie studierte, hat sich bereits als Jugendliche für benachteiligte Minderheiten interessiert. Und dafür, wie sie ihnen helfen könnte. Nach ihren ersten Gehversuchen als klassische Dokumentarfilmerin spürte sie schnell, »dass es nicht genügt, nur die Geschichten anderer Menschen zu erzählen«. Sie wollte mehr. Mehr Engagement, mehr Augenhöhe, mehr konkreten Wandel. Bei ihrer Suche nach Gleichgesinnten ist sie auf das Video-Kollektiv InsightShare gestoßen, einem Zusammenschluss aus Filmemachern, die mit den Prämissen des Participatory Video arbeiten.

Ziel: Nach dem Film bessert sich die Lage der Teilnehmer

Die Brüder Nick und Chris Lunch, die Insight­Share im Jahr 1999 gegründet haben, beschäftigen heute sechs festangestellte und rund 20 freie Mitarbeiter. Auf dem eigenen YouTube-Kanal zeigen sie die filmischen Ergebnisse der vergangenen Jahre – rund 200 Videos aus mehr als sechzig Ländern der Erde, darunter Regionen wie Ostafrika, Zen­tralasien und Lateinamerika; die Klickzahlen variieren dabei stark zwischen zwei- und sechsstelligem Bereich. »YouTube ist für uns eine sehr wichtige Plattform«, sagt Chris Lunch, »denn wir wollen die Geschichten von Solidarität und Widerstandsfähigkeit weltweit verbreiten.«

Marleen Bovenmars in Uganda, bei einem Videoprojekt zur Evaluierung von UNICEF-Programmen

Insgesamt gehe es ihnen nicht nur darum, Aufmerksamkeit für die Nöte und Wünsche von Minderheiten zu erzeugen. Mit ihren Videos wollen sie gleichermaßen althergebrachtes Wissen von indigenen Völkern für uns Westler zugänglich machen. »Außerdem hören wir nicht auf, wenn ein Film fertig ist – wir bleiben dran und schauen, dass sich die thematisierte Lage nachhaltig verbessert.« Dass PV seine Ursprünge in der anthropologischen Forschung hat, ist unverkennbar. Die Grundmotivation hinter der neuen Filmkultur war stets, den gefilmten Menschen – oftmals Indigenen – ihren eigenen Beitrag zugutekommen zu lassen und sie nicht vom Produktionsprozess abzunabeln.

Das wohl erste teilhabebasierte Video überhaupt entstand 1967 in Neufundland unter der Regie von Donald Snowden und Colin Low. Snowden und Low wollten mittels PV-Methodik zeigen, dass Armut nicht nur auf geringes Einkommen reduziert werden kann, sondern dass auch Faktoren wie räumliche Abgeschiedenheit und mangelnder Zugang zu Information und Kommunikation eine große Rolle spielen. Fast zeitgleich hat in Europa der renommierte französisch-schweizerische Regisseur Jean-Luc Godard die Krise der Repräsentation in seinen Filmen thematisiert und die traditionellen Aufnahmetechniken hinterfragt. Seine Lösung für die Problematik des Machtgefälles zwischen Filmer und Gefilmten: auch sich selbst als Regisseur vor die Kamera holen und somit verletzlich zu machen.

YouTube ist für uns eine sehr wichtige Plattform, denn wir wollen die Geschichten von Solidarität und Widerstands­fähigkeit weltweit verbreiten

Chris Lunch InsightShare

Gut fünfzig Jahre nach den Anfängen ist das teilhabebasierte Filmen dank des techno­logischen Fortschritts denkbar einfach geworden. Um ein gutes Ergebnis zu erzielen, benötigt man keine große Film-Crew und kein sehr teures Equipment mehr. Oft können Dokumentar­filmer ihre Projekte ganz allein stemmen. Vorteil: Es entsteht keine allzu große Distanz zwischen denen, die gefilmt werden, und demjenigen, der filmt.

Man muss nicht lesen können, um filmisch mitzureden

Der zweite Aspekt ist vielleicht noch wichtiger: Das Filmen selbst ist keine Wissenschaft mehr. Kameras können heutzu­tage intuitiv und von jedermann bedient werden. Die Demo­kratisierung der Technologie spielt natürlich dem Anliegen von Participatory Video in die Hände: Schließlich sollen die Beteiligten ihren eigenen Film machen – der Regisseur so weit es geht in den Hintergrund treten. Nicht zuletzt für Analphabeten ist Video das Medium der Wahl: Man muss nicht lesen können, um filmisch mitzureden.

Chris Lunch, Mitbegründer von InsightShare, mit seiner Mitarbeiterin Anabela Carlón Flores

Bovenmars Beispiel zeigt, dass PV auch in westlichen Industrienationen eine wichtige Aufgabe erfüllt. Ihr Film Not just homeless, der auch auf YouTube zu sehen ist, hat bei seiner Premiere für viel Erstaunen gesorgt, wie Bovenmars erzählt: »Viele Zuschauer wussten nicht, wie einfach es ist, in die Obdach­losigkeit zu rutschen – und wie schwer, wieder rauszukommen.« Heute freut sie sich, dass sie Stereotype aufbrechen konnte. Mindestens ebenso wichtig wie das Produkt ist ihr bei allen Filmen der Entstehungsprozess, der etwa bei den Obdachlosen dazu geführt habe, dass sie ihre Erfahrungen reflektiert, neue Fähigkeiten erworben und ihr Selbst­bewusstsein gestärkt haben.

Dieser Ansatz charakterisiert auch die Arbeit von Lisa Glahn. Die Kölner Dokumentarfilmerin dreht regelmäßig mit kriminellen Jugendlichen in Deutschland, immer wieder auch in Justizvollzugsanstalten. Weil aus rechtlichen Gründen das filmische Ergebnis gar nicht öffentlich gezeigt werden kann, interessiert sie umso stärker der Prozess. »Die Beteiligten lernen, einander zuzuhören und miteinander eine Vision zu entwickeln.« Diese Art des Empowerments orientiert sich stark an neuen medienpädagogischen Konzepten. Für Lisa Glahn ist der positive Effekt ersichtlich: »Die Jugendlichen gewinnen neues Selbstvertrauen und sehen, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind. Das setzt viel gute Energie frei.«

Fotografie: InsightShare

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