„Wir verlieren keine Besucher, wenn wir die Kunst online stellen“

Fünf Häuser der Museumsinsel Berlin lassen sich seit Kurzem über Google Arts & Culture vom Computer oder Smartphone aus besuchen. Die stell­vertretende Generaldirektorin Christina Haak erklärt, warum sich die Staatlichen Museen zu Berlin dafür entschieden haben

Frau Prof. Haak, warum haben Sie sich entschieden, die Häuser der Museumsinsel und viele ihrer Exponate zu digitalisieren?

Die Staatlichen Museen zu Berlin betreiben die Digitalisierung schon lange auf unterschiedlichen Ebenen, auch unabhängig von Google Arts & Culture. Das Digitalisieren erhöht grundsätzlich die Sichtbarkeit unserer Sammlungen. Wir waren dann 2011 unter den ersten Partnern des Google Art Project. Zunächst ging es um ein Austesten der Möglichkeiten. Die Museumsinsel war nun ein bewusster Schritt.

Warum arbeiten Sie dafür mit Google zusammen?

Wir arbeiten unter anderem zusammen, weil sich die Kompetenzen sehr gut ergänzen. Wir wissen relativ viel über unser physisch anwesendes Publikum – und natürlich über den Inhalt, über unsere Objekte. Google wiederum bietet hohe technische Kompetenz und eine weltweit nutzbare Plattform. Wenn Menschen nicht zu uns kommen, hat das oft schlicht damit zu tun, dass sie uns nicht kennen. Viele dieser Menschen sind aber online unterwegs, und Google ist einer unserer Brückenschläge dahin.

Die Kunsthistorikerin Prof. Dr. Christina Haak ist stellvertretende Generaldirektorin der Staatlichen Museen zu Berlin und Vizepräsidentin des Deutschen Museumsbundes. Innerhalb der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zu der die Staatlichen Museen zu Berlin gehören, verantwortet sie zudem alle digitalen Themen.

Fürchten Sie nicht, dass weniger Besucher auf die Museumsinsel kommen, wenn sie sich die Kunstwerke jederzeit im Internet anschauen können?

Nein, denn jede Statistik beweist das Gegenteil: Wir verlieren keine Besucher, wenn wir die Kunst online stellen. Das ist kein Ersatz, sondern ein zusätzliches Angebot – auch für Besucher. Interessierte können sich vor ihrem Besuch informieren, vor Ort digitale Angebote mit App oder Medienstationen in den Ausstellungen nutzen und nach dem Besuch die Informationen nochmals vertiefen.

Macht es einen Unterschied, ob Kunst im Museum oder im Internet präsentiert wird?

Auf jeden Fall! Wer das Museum analog besucht, erlebt den Raum und die Beziehung der Objekte zueinander. Dazu kommen Geräusche und Gerüche und die Tatsache, dass man ein Erlebnis mit anderen teilt. Wenn Sie das Gleiche ins Netz oder in die virtuelle Realität übertragen, fallen bestimmte Wahrnehmungsebenen weg. Deshalb setzen wir bei Google Arts & Culture auch auf Storytelling und verknüpfen die Objekte miteinander. Das kann auf eher assoziative Art geschehen, wenn wir etwa die verschiedenen Kuppeln auf der Museumsinsel zeigen, oder über einen inhaltlichen Zusammenhang, zum Beispiel wenn wir über Porträts auf der Museumsinsel sprechen.

Wie weit sind Sie bei der Digitalisierung Ihrer Kunstwerke?

Die Staatlichen Museen besitzen mehr als fünf Millionen Objekte. Momentan liegt der Digitalisierungsgrad bei 25 Prozent, im Internet abrufbar sind etwa 18 bis 19 Prozent der Objekte. Wirklich alles zu digitalisieren würde viele Jahre, viel Manpower und sehr viel Geld kosten. Das liegt auch daran, dass Digitalisierung bei uns immer mit den Metadaten verbunden ist, den Informationen zum Objekt. Deshalb nutzen wir viele Möglichkeiten der Digitalisierung. Neben Google Arts & Culture digitalisieren wir auch wesentlich über Forschungsprojekte und mit weiteren externen Partnern wie dem Fraunhofer Institut, die bei uns ihre neueste Digitalisierungstechnik testen möchten. So wurde zum Beispiel der Pergamonaltar in 3-D gescannt.

Nicht nur Sie digitalisieren gemeinsam mit Partnern viele Kunstwerke der Museumsinsel. Praktisch jeder Ihrer Besucher hat mit seinem Smartphone ein Instrument, mit dem er die Objekte digital verbreiten kann.

Wir hatten lange, wie viele andere Häuser auch, ein striktes Fotografierverbot. Das haben wir bewusst abgeschafft. Tatsächlich sehen wir es auch als eine Art der Distribution und der gesteigerten Sichtbarkeit, wenn Besucher Bilder posten. Lediglich bei Nofretete im Neuen Museum haben wir das Verbot aufrechterhalten. Wir wollten einen Ort bewahren, an dem es nicht klickt und an dem niemand rückwärtsläuft, um zu fotografieren.

Mehr Informationen unter:

g.co/museumislandberlin

Fotografie: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/Andres Kilger, Felix Brüggemann

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