Katastrophenhilfe

So könnte Ihr Smartphone Ihnen im Notfall das Leben retten

Gemeinsam mit Notfalldiensten arbeitet Google daran, die Ortungstechnologie für Ersthelfer zu verbessern.

Fünf-Minuten-Geschichte

"Wenn Sie in einem bestimmten Gebiet nach einer vermissten Person suchen und den Radius nicht weit genug eingrenzen können, ist das unglaublich schwierig."
Christian Steiner, Hubschrauberpilot

Christian Steiner ist Polizeihubschrauberpilot in den niederösterreichischen Alpen – einer Region, die ebenso atemberaubend schön wie gefährlich sein kann. Da diese Gegend bei Wanderern, Gleitschirmfliegern und Skifahrern beliebt ist, kommt es immer wieder zu Unfällen. Bis vor Kurzem hatte Christian jedoch ein Problem: Wenn er zu einem Rettungseinsatz in die riesige Bergwildnis der Alpen aufbrach, wusste er oft nicht, wo genau er suchen sollte.

Jahrelang musste er mit einer veralteten Ortungstechnologie arbeiten, bei der der Standort des Anrufers nur mithilfe des nächsten Mobilfunkmastes geschätzt werden konnte. Diese Schätzung war recht grob und konnte von hundert Metern bis zwanzig Kilometern reichen. Manchmal flog er deswegen zum falschen Gipfel oder sogar zum falschen Berg.

Nicht nur Hubschrauberpiloten wie Christian hatten dieses Problem – auch in der Notfallrettung hatte man jahrelang damit zu kämpfen, insbesondere seit der Erfindung des Mobiltelefons. Notrufe aus dem Festnetz lassen sich schließlich einer genauen Adresse zuordnen, doch Anrufe von Mobiltelefonen können von überall kommen.

Wenn jemand in einer Notfallsituation die Rettungsdienste anruft, ist er außerdem oft desorientiert und verzweifelt, sodass er nicht genau angeben kann, wo er gerade ist. Wenn es dadurch auch nur wenige Minuten länger dauert, bis man ihn findet, kann das tödliche Folgen haben.

Porträts von Maria Garcia Puyol (Google-Entwicklerin), Benoît Vivier (EENA) und Christian Steiner (Hubschrauberpilot)

Von links nach rechts: Maria Garcia Puyol, Benoît Vivier und Christian Steiner

"Ich dachte immer, dass Rettungskräfte diese revolutionäre Technologie längst für sich nutzen", erinnert sich Google-Entwicklerin Maria Garcia Puyol. Maria ist zuständig für die in AndroidAndroid ist ein von Google entwickeltes mobiles Betriebssystem. Diese Open-Source-Plattform ist weltweit auf über 2,5 Milliarden Geräten verschiedener Hersteller (über 1.300 Marken) installiert.-Smartphones integrierten Standortdienste – sie sorgt dafür, dass der blaue Punkt in Google Maps möglichst korrekt angezeigt wird. Als sie erfuhr, dass Notfalldienste die Standortinformationen, die Taxifahrern oder Lebensmittellieferdiensten ganz selbstverständlich zur Verfügung stehen, nicht nutzen können, rief sie ein Projekt ins Leben.

Schnell fand sie weitere Google-Entwickler, die ihr Projekt unterstützen wollten. Und schon bald klinkte sich noch jemand ein: die European Emergency Number Association (EENA), eine Nichtregierungsorganisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, notrufbearbeitende Stellen international besser zu vernetzen. Die EENA setzt sich seit mehr als einem Jahrzehnt für eine Modernisierung der Technologien ein, die zur Standortermittlung in Notfällen verwendet werden. Und als europaweite Kapazität für Rettungsprotokolle ist die Organisation mit allen wichtigen Kontakten der Branche vernetzt.

"Ich kann dazu beitragen, ein Menschenleben zu retten. Das ist der Grund, warum ich jeden Morgen aufstehe und ins Büro gehe", erzählt Benoît Vivier, der bei der EENA für öffentliche Angelegenheiten zuständig ist. Obwohl die Standortgenauigkeit für Notfalleinsätze in einigen Ländern mittlerweile besser ist, tut sich nur sehr langsam etwas – und nicht in dem Maße, wie man es sich wünschen würde. Die EENA und Google stellten schon bald fest, dass sie das gleiche Ziel verfolgten und begannen zusammenzuarbeiten.

Nur wenige Monate später wurde auf über 99 % der Android-Smartphones der Notfall-Standortdienst von Android (Emergency Location Service, ELS) eingeführt. Mittlerweile liefert diese Technologie in den meisten Ländern der Welt Standortinformationen, die 3.000 Mal genauer sind als bei dem System, das bisher genutzt wurde1. Dazu werden Informationen kombiniert, die durch Verfahren wie Triangulation über Mobilfunkmasten und A-GPS (Assisted GPS) sowie über WLAN-Netzwerke ermittelt werden. Wenn jetzt also in einem dieser Länder ein Notruf über ein Android-Smartphone eingeht, werden die Koordinaten automatisch an den Notruf und damit an die Rettungskräfte gesendet.

Suchradius mit Notfall-Standortdienst

12 m

6 m

Suchradius ohne Notfall-Standortdienst

900 m

14 km

Bevor es den Notfall-Standortdienst gab, konnten viele Ersthelfer den Standort Verletzter nur anhand von Mobilfunkmasten in der Nähe bestimmen: Der Bereich ließ sich also kaum eingrenzen und konnte bis zu 20 Kilometer weit sein.

Beispiel 1

Beispiel 2

"Das ist die wichtigste Neuerung im Bereich der öffentlichen Sicherheit in den letzten 30 Jahren – das wird Ihnen jeder bestätigen, der am Notfall-Standortdienst von Android mitgearbeitet hat."
Benoît Vivier, EENA

Maria kann sich noch gut an den ersten erfolgreichen Einsatz der Technologie erinnern: Im Januar 2017 musste Nojuh, ein siebenjähriger Junge aus Litauen, mit ansehen, wie sein Vater einen Krampfanfall hatte und im Wohnzimmer zusammenbrach. Voller Panik griff Nojuh zum Smartphone seines Vaters und rief den Notruf an. Er kannte jedoch seine Adresse nicht und sein Standort ließ sich mithilfe des nächsten Mobilfunkmasts lediglich auf einen Radius von vierzehn Kilometern eingrenzen. Glücklicherweise war in Litauen drei Monate zuvor der Notfall-Standortdienst eingeführt worden. Nojuhs Standort wurde dem Telefonisten des Notrufs automatisch übermittelt – und ließ sich so auf einen Radius von gerade einmal sechs Metern eingrenzen2. Schnell wurde ein Krankenwagen losgeschickt, der Nojuhs Vater in ein nahe gelegenes Krankenhaus brachte.

Der Notfall-Standortdienst kann mittlerweile in über zwanzig Ländern – auf fünf Kontinenten – genutzt werden und liefert die Standortinformationen für zwei Millionen Notrufe täglich3. Die vielen Erfolgsgeschichten auf der ganzen Welt spornen EENA und Google dazu an, die Technologie noch weiter zu optimieren und noch mehr Länder damit auszustatten. "Wir hoffen", erklärt Maria, "dass niemand mehr sterben muss, weil er nicht rechtzeitig gefunden wird."

Christians Arbeit wird immer etwas unkalkulierbar bleiben. Es stimmt ihn allerdings sehr optimistisch, dass er durch den Notfall-Standortdienst kostbare Zeit sparen und Verletzte schneller bergen kann. "Am meisten motiviert mich bei meiner Arbeit, dass ich Menschen helfen kann – ganz gleich, in welcher Situation sie sich befinden", meint Christian. "Wenn ich jemandem helfen kann, dann tue ich es."

In dieser kurzen Dokumentation sehen Sie, wie ein in den österreichischen Alpen verschollener Gleitschirmflieger dank des Notfall-Standortdiensts gefunden werden konnte.

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