Kinderleicht

Eine Hamburger Initiative stellt Lehrern und Schülern Material zur Verfügung, mit dem sie programmieren lernen. Die Erfolge von App Camps sind erstaunlich

Kann man innerhalb von sieben Doppelstunden Unterricht aus gewöhnlichen Schülern App-Entwickler machen? Man kann, sagt Diana Knodel. Sie hat mit ihrem Mann die gemeinnützige Organisation App Camps gegründet und bringt Lehrern und Schülern mithilfe kostenloser Lehrmaterialien die Grundlagen des Programmierens bei. Eine Schülerin zum Beispiel baute ein Zufalls­programm, das einem bei Partys das Flaschendrehen erspart. Ein Schüler entwickelte eine App, die Schlafende in Bussen und Bahnen weckt, sobald ein bestimmter geografischer Punkt erreicht ist. Das ist praktisch: Der Nutzer steigt rechtzeitig aus, und der Entwickler hat das Wesen der Digitalisierung besser verstanden.

Diana Knodel studierte Medieninformatik, ihr Mann Philipp forschte in England zu digitaler Bildung, als die beiden 2013 auf eigene Faust ein App Summer Camp für zwölf Mädchen anboten. Einfach so, aus Interesse. Die Teilnehmerinnen erlernten die Grundlagen des App-Programmierens und waren begeistert. Alle hatten in den Tagen ein neues Verständnis für digitale Anwendungen gewonnen, manche entdeckten sogar ein Berufsfeld für sich. Diana und Philipp Knodel dachten: Da steckt doch mehr dahinter!

Ich habe erst im Lauf des Studiums gemerkt, wie sehr mich Informatik interessiert

Diana Knodel

Bei einem Besuch in San Francisco stieß das Paar auf den »App Inventor«, ein Programm, mit dem sich relativ einfach Android-Apps erstellen lassen: Der sogenannte Designer hilft bei der Gestaltung und der Blocks Editor bei der Programmierung. Anders ausgedrückt: Der App Inventor macht das große Geheimnis Programmieren zu einer sicht- und verstehbaren Aufgabe.

Wieder zu Hause, setzten sich Diana und Philipp Knodel daran, verständliches Lehrmaterial zum App Inventor zu entwickeln, und zwar aus ganz persönlichem Antrieb: »Ich hatte an der Schule keine Informatik und habe erst im Lauf des Studiums gemerkt, wie sehr es mich interessiert«, erinnert sich Diana Knodel. »Es ist schade, dass die Schüler nicht früher die Möglichkeit bekommen, die Grundlagen des Programmierens zu lernen.« Diana Knodel glaubt, eine zeit­gemäße Annäherung an das Programmieren sollte schon in der Schule geschehen. In das App Summer Camp gehen vor ­allem die Kinder motivierter Eltern; an der Schule aber ­werden alle erreicht, unabhängig von sozialer Herkunft und Vorerfahrung.

Schnelle und greifbare Resultate: Mithilfe des Unterrichtsmaterials von App Camps werden gewöhnliche Schüler in sieben Doppelstunden zu App-Entwicklern.

Diana und Philipp Knodel entwickelten einfache Lernvideos und Lernkarten. Die Lehrer melden sich kostenlos online an, laden das Material von der Website und legen mit ihren Schülern los. Die Wirkung ist erstaunlich. Ein Päda­goge schrieb noch im Unterricht eine Dankesmail: »Ich sitze hier gerade inmitten von Schülern, die die ›Wahrheitskugel-App‹ entwickeln. Bis auf ein paar Worte zu Beginn habe ich nichts gesagt, und es hat mich bisher auch niemand um ­Hilfe gebeten, die Schüler arbeiten vor sich hin, sie haben das Klingeln zur Pause nicht bemerkt, und man hört schon überall die gesprochenen Antworten aus der Wahrheits­kugel. Sie werden die App alle hinbekommen.«

Tausende Pädagogen haben inzwischen auf das Lehrmaterial aus Hamburg zugegriffen. Es gibt Unterlagen für Kinder ab der dritten Klasse, und mittlerweile vermittelt appcamps.de auch, wie man Websites programmiert und was es mit Big Data auf sich hat. Die Körber-Stiftung fördert das Engagement des Teams, bei der Google Impact Challenge­ haben die App Camps 250 000 Euro zur Weiterentwicklung gewonnen. Es steckt also viel Hoffnung in dem kleinen Projekt, nicht zuletzt wegen des Feedbacks: Mehr als zwei Drittel der Schüler wollen nach der Arbeit mit den App-Camps-Materialien mehr lernen. Und während vor Kurs­beginn 38 Prozent der Teilnehmer eine Idee davon haben, was Programmieren bedeutet, sind es nachher 76 Prozent. »Wer programmieren kann, kann Zukunft gestalten«, steht auf der Website. Vielleicht ist es wirklich wahr.

Foto: App Camps gUG, App Camps (Portrait Diana Knodel)

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