Gute Arbeit

Europaweit hat die App-Wirtschaft Millionen Jobs geschaffen, auch viele Deutsche verdienen damit ihr Geld. Sechs erzählen von ihren Berufen

Andreas Schildbach, Diplom-Informatiker aus Berlin und Entwickler der Apps »Öffi« und »Bitcoin Wallet«, über die Vorzüge eines offenen Betriebssystems

»Seit etwa 2008 bin ich Android-Entwickler, davor habe ich dynamische Webseiten programmiert. Die Idee, dass man Programme mit auf die Straße nehmen und unterwegs nutzen kann, hat mich sofort für das Entwickeln mobiler Anwendungen begeistert. So habe ich auch meine erste App ›Öffi‹ gebaut. Ich war neu in Berlin und kannte mich nicht gut in der Stadt aus. Früher musste man sich im Internet eine Fahrplanauskunft herunterladen und ausdrucken oder aufschreiben, an welchen Haltestellen man umsteigen muss. Wenn ein Zug ausfiel, konnte man sich nur vor Ort informieren, wie man weiterkommt. ›Öffi‹ habe ich also erst einmal für mich programmiert. Die App zeigt an, wo und wann Bahnen und Busse fahren, samt Verspätungen und Schienenersatzverkehr. Es gibt sie inzwischen für Städte auf der ganzen Welt, nach wie vor ausschließlich für Android, weil ich seine Offenheit mag. Die Basis von Android ist Open Source: Jeder kann die Software kostenlos nutzen und für sich weiterentwickeln. Ich habe viele Freiheiten, kann entscheiden, wie die App installiert werden soll und welche Daten sie miteinbeziehen kann.

Jeder kann die Software kostenlos nutzen und für sich weiterentwickeln.

Andreas Schildbach

Android basiert auf der verbreiteten Programmiersprache Java, was es für Entwickler von Anfang an attraktiv gemacht hat. Man kann Android mit Windows-, Mac- oder Linux-Computern programmieren, die Zugangshürde ist also niedrig. Als Arbeitsmittel würde schon ein Notebook für 400 Euro reichen.«

Beatrice Barth, Grafikdesignerin und Illustratorin im Leipziger Barbar-Studio, über Apps, die Kindern kreatives Lernen ermöglichen

»Ich führe zusammen mit meiner Schwester das Grafikdesign- und Illustrationsstudio Barbar in Leipzig. Wir arbeiten viel im Bereich Bildung und Kultur, für Software- und Spiele-Entwickler, Verlage und Musiker. Außerdem konzipiere ich spielerische, partizipative Projekte für Museen. Weil ich diese Projekte ins Digitale übertragen will, nahm ich 2016 am Hackathon des Dokumentarfilm-Festivals DOK Leipzig teil. Innerhalb von drei Tagen haben Teams aus Programmierern, Filmemachern, Drehbuchautoren und Designern Apps programmiert, visualisiert und präsentiert.

Beatrice Barth vom Leipziger Barbar-Studio: Auch bei der Konzeption und Gestaltung digitaler Anwendungen können Papier und Schere sehr hilfreich sein.

Meine Gruppe hat die App ›Visionary‹ für Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren entwickelt. Mit ihr können sie ­ihren Blick auf die Welt in Bild, Ton und Text festhalten. Dafür fordert die App sie auf, zu Begriffen wie Familie, Freundschaft, Liebe und Angst Fotos zu machen oder mit Stift und Papier Bilder zu erschaffen und diese dann zu fotografieren. Kinder üben mit­hilfe der App die sogenannten Future Skills: kreatives Lernen und einen kontrollierten Umgang mit technischen Geräten.

Die erste Testversion wurde bereits von unserem Hackathon-Mentor Stephan Schüritz umgesetzt. Er nutzte dabei die Programmiersprache C# und erstellte eine Android-App, die man einfach per Link zum Test herunterladen und ausführen kann. Ich habe mich bei ›Visionary‹ auch um das Design gekümmert, Programmieren interessiert mich aber schon lange. Regelmäßig gehe ich zu den Treffen der ›Code Girls‹, einer Gruppe von Frauen, die sich fürs Programmieren interessieren und austauschen. Dabei lerne ich unter anderem Java­Script. Die Arbeitsatmosphäre beim Hackathon und die ­Gespräche mit Programmierern haben mich mit der Begeisterung fürs Programmieren angesteckt.«

Dr. Roman Belter, Gründer und Geschäftsführer der Appsfactory GmbH in Leipzig, über autofreies Sightseeing und andere Ideen für unterwegs

»Dass die Ideen bei uns am Fließband entstehen, wäre übertrieben. Aber unsere Produktivität ist schon beträchtlich: Seit der Gründung 2009 haben wir weit mehr als 500 Apps umgesetzt, viele Male stand eine unserer Anwendungen an der Spitze der beliebtesten Apps. Wir verstehen uns als Schnittstelle zwischen unseren Kunden und deren Kunden: Wir entwickeln Apps für Smartphones, Tablets, Smart-TV-Geräte und Smartwatches sowohl für Android als auch iOS. Mit diesen Programmen erreichen Unternehmen ihre Kunden unterwegs und sind auf deren Smartphones jederzeit verfügbar. Unter anderem haben wir die Tagesschau-App 2.0, die Nachrichten-App der FAZ sowie die Audiothek-App für Deutschlandfunk umgesetzt, mit der man mobil Live-Sendungen und Podcasts hören kann. Für die Lufthansa ­haben wir eine Quartett-App mit ihrer Flotte entwickelt und für die Deutsche Bahn eine Ausflugs-App mit autofreien Sightseeing-Touren in Berlin und Brandenburg. Wir beraten unsere Kunden bei der Konzeption und übernehmen alles – von Entwicklung und Design bis hin zu Programmierung und App-Marketing.

Wir testen unsere Apps auf bis zu 40 marktrelevanten Geräten.

Dr. Roman Belter

Zu Beginn haben wir vorrangig iOS-Apps entwickelt, aber die große Verbreitung von Android-Geräten macht das Betriebssystem für unsere Kunden interessant. Der Fragmentierung des Android-Marktes – es gibt viele unterschiedliche Smartphones – begegnen wir mit umfangreichen Tests unserer Apps auf bis zu 40 marktrelevanten Geräten. Außerdem nutzen wir automatisierte Testverfahren mit Unterstützung von Cloud-Systemen.«

Philip Balonier, Geschäftsführer, Andreas Malhofer, Programmierer, und Benjamin Mühling, 3-D-Artist bei der ThreeDee GmbH aus München, über die rapide Entwicklung im Bereich Virtual Reality (VR)

Architekten der virtuellen Realität: Andreas Malhofer, Benjamin Mühling und Philip Balonier (v. li.) arbeiten seit Jahren an dreidimensionalen und interaktiven Videos, Simulationen und Spielen für VR-Brillen.

»Wir entwickeln seit 2014 unterschiedliche Android-Applikationen, in jüngster Zeit mit großer Begeisterung Virtual-Reality-Apps: Das sind dreidimensionale und interaktive Videos, Simulationen und Spiele, die man mit VR-Brillen ansehen kann. Unter anderem haben wir eine solche App für den Automobil- und ­Industriezulieferer Schaeffler umgesetzt. Die dreidimensio­nalen Inhalte kann man mit der Virtual-Reality-Brille Gear VR von Samsung betrachten. Zuerst kam sie beim Mitarbeitertag des Unternehmens zum Einsatz: Besucher durften sich mithilfe von VR-Brillen auf eine virtuelle Reise durch das Schaeffler-Universum begeben und dabei entdecken, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf die tägliche Arbeit in ihrem Unter­nehmen beziehungsweise in ihrer Produktion hat. In einem ­Moment steht man auf einem Windrad, das sich mit einem ­Schaeffler-Getriebe dreht. Gleich darauf folgt man dem Datenstrom in ein Servicecenter, in dem Mitarbeiter Informationen auswerten. Und dann sitzt man auf einmal in einem Elektroauto und sieht die Stadt am Fenster vorbeiziehen. Wie in einem Computerspiel bewegt man sich durch die verschiedenen Bild­welten, von einem Level zum nächsten.

Grundsätzlich fasziniert uns, wie schnell sich Virtual Reality in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Die Zugangshürden für Nutzer sind inzwischen sehr niedrig. Sicher, man kann hochwertige, desktopbasierte Virtual-Reality-Brillen nutzen, für die man einen leistungsfähigen Computer braucht. Es geht aber auch anders. Wir verwenden gern Virtual-Reality-Apps für androidbasierte VR-Brillen: Die kann man sich auch mit ­einer einfachen VR-Brille aus Pappe ansehen. Auch ohne teures Equipment können Menschen mit unseren Apps Virtual Reality erleben.«

Fotografie: Patrick Desbrosses, Markus Burke (ThreeDee GmbH)

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