Wir sind schon drin

Eine junge Universität, findige Unternehmer und der Wille zur Veränderung: ein Besuch in Bayreuth, wo die Digitalisierung besonders gut Fuß gefasst hat

Andreas Enders steht im Aufnahmestudio und lehnt sich gegen das Moderatorenpult, auf dem mehrere Bildschirme, eine Tastatur und ein Mischpult stehen. Neben ihm befinden sich zwei Barhocker, im Hintergrund läuft »Heiße Nächte (in Palermo)«, ein Lied der Band Erste Allgemeine Verunsicherung, ein 80er-Jahre-Hit. »Diesen Titel«, sagt Enders, ein hagerer Mann mit Hornbrille und in Shorts und Turnschuhen, »kann man bei anderen Sendern gar nicht mehr hören. Deswegen schalten die Leute bei uns ein: Weil wir die echten Kultsongs haben, die man anderswo nicht spielt.«

»Kultradio« heißt der Kanal, den Enders 2015 in Bayreuth ins Leben gerufen hat. Hören kann man ihn bayernweit im Digitalradio DAB+. Über Glasfaserkabel wird das Programm in Windeseile zum Münchner Olympiaturm übertragen und von dort im Freistaat verteilt. Auf die Frage, warum sein Radiosender in Bayreuth statt wie die Konkurrenz in München sitzt, antwortet Enders mit der Gegenfrage: »Warum nicht?«

Kultradio profitiert davon, dass Bayreuth für eine Stadt mit 73 000 Einwohnern digital erstaunlich gut aufgestellt ist. Das bestätigt auch eine Studie der Experten von beDirect, DATA-lovers und IW Consult: Die Unternehmen der oberfränkischen Metropole erscheinen in dieser Erhebung im Vergleich zu anderen deutschen Städten besonders gut digitalisiert. »Vielleicht«, überlegt Andreas Enders, »haben wir unser Licht unter den Scheffel gestellt.«

Auf Besucher, die zum ersten Mal in Bayreuth ankommen, wirkt die oberfränkische Stadt sehr gemütlich. Einmal im Jahr, wenn die Wagner-Festspiele beginnen und Angela Merkel auf dem Grünen Hügel über den roten Teppich schreitet, schafft es der Ort in die Abendnachrichten. Zu den größten Arbeitgebern gehört eine Firma namens medi, die Kompressionsstrümpfe herstellt. Große IT-, Internet- oder Softwareunternehmen? Eher Fehlanzeige.

Die Hochschule als Treiber der Digitalisierung: Auf dem Campus der Universität wird Zukunft gedacht. Cyrus Mobasheri (in Sandalen) leitet das »Game Innovation Lab« und diskutiert hier mit Jochen Koubek, seines Zeichens Professor für Digitale Medien.

Aber das ist nicht alles. Bayreuth hat eine Universität, und Universitätsstädte schneiden hinsichtlich ihrer digitalen Reife meist besonders gut ab. Bayreuths Uni ist inzwischen 45 Jahre alt und zählt rund 13 000 Studierende. Es gibt zwei Fraunhofer-Einrichtungen am Ort, und im Juni fand hier erstmals in Deutschland die Digitalkonferenz DLD Campus statt. Das Institut für Informatik kooperiert mit anderen Fakultäten und arbeitet zum Beispiel an einem Projekt, bei dem Polymerwissenschaftler mithilfe komplexer Datenauswertungen die Bestandteile von Lebensmitteln aufschlüsseln. Im Projekt »Oberfranken 4.0« bringen Ingenieurwissenschaftler kleinen Betrieben die Chancen der Industrie 4.0 näher. Außerdem rief die Universitätsleitung vor zwei Jahren eine Stabsstelle für Entrepreneurship ins Leben und plant ein eigenes Institut und eine Innovationswerkstatt, um junge Firmengründer zu unterstützen. Dieses könnte eines Tages auch den Studierenden der Computerspielwissenschaften zugutekommen. Vor zwei Jahren startete der deutschlandweit einzigartige Masterstudiengang, den Jochen Koubek, Professor für Digitale Medien, betreut. Sein Büro liegt in einem Flachbau abseits des Campus. Zum Interviewtermin erscheint er ganz unprofessoral in Jeans und einem T-Shirt, das die Symbole des Sony-Playstation-Controllers zeigt. Neben ihm sitzt einer seiner Doktoranden, Cyrus Mobasheri, der mit seiner grau-schwarzen Haarpracht, dem Rauschebart und den Birkenstocksandalen aussieht, wie man sich einen Gaming-Nerd vorstellt.

Koubek räumt erst einmal mit zwei Missverständnissen auf. Missverständnis Nummer eins: Seine Studenten daddeln im Unterricht. »Das tun wir natürlich nicht«, sagt Koubek. »Literaturwissenschaftler lesen ja auch nicht in der Seminarzeit Romane, sondern in ihrer Freizeit.« Missverständnis Nummer zwei: Der Studiengang bildet Fachkräfte für die Computerspieleindustrie aus. Koubek: »Unsere Studenten lernen hier zwar auch, wie man Spiele programmiert, aber in erster Linie fühlen wir uns dem Computerspiel als Medium verpflichtet.« Anders ausgedrückt: Die Computerspielwissenschaften sind ein geisteswissenschaftlicher Studiengang, nicht nur eine Berufsausbildung.

Im Breitbandausbau war der Ort schon immer weiter als andere

An dieser Stelle gibt es ein großes Aber, und hier kommt Cyrus Mobasheri ins Spiel. Er leitet das »Game Innovation Lab«, in dem Studierende lernen, Spiele zu entwickeln und zu gestalten. Im Laufe des Masterstudiums können sich Studierende auf diese Fachbereiche konzentrieren. »Bestimmt werden sich bald Studenten mit eigenen Spielideen selbstständig machen«, sagt Mobasheri. Eine Spieleindustrie gibt es in Bayreuth bisher noch nicht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Immer wieder hat die Universität die Wirtschaft der Stadt befruchtet. Peter Maisel ist dafür ein gutes Beispiel. In den 80er- Jahren studierte der Ur-Bayreuther hier Physik und jobbte am Rechenzentrum – lange bevor es E-Mails und Facebook gab. In den Neunzigerjahren schloss er sich mit dem Film- und Fernsehmann Markus Spona zusammen, »um das Internet nach Bayreuth zu bringen«, wie Maisel sagt. Heute beschäftigt die Firma der beiden rund 50 Mitarbeiter und ist eine Art eierlegende Wollmilchsau der Digitalisierung. TMT bietet schnelle Internetverbindungen an, programmiert Schnittstellen-Software, dreht aber auch Firmenvideos oder entwickelt Apps. TMT wirkt auch bei den Bayreuther Festspielen mit. Während Peter Maisel sich um das Online-Ticketing kümmert, organisiert Markus Spona die Live-Übertragung im Fernsehen und in 120 Kinosäle in ganz Deutschland – und manchmal auch nach Japan, Schweden oder Australien. Und auch am Kultradio sind die beiden beteiligt. Beide Firmen teilen die gleiche Adresse. Der holzverkleidete flache Bau erinnert entfernt an ein Gemeindezentrum.

Halfen, das Internet nach Bayreuth zu bringen: Markus Spona (rechts) und Peter Maisel vom IT-, Internet- und Mediendienstleister TMT.

Schon in den Neunzigern arbeitete TMT an einem eigenen Glasfaserkabelnetz für Bayreuth. »Damals setzten die meisten noch auf Kupferkabel, obwohl Glasfaserkabel billiger waren und eine größere Bandbreite hatten«, sagt Maisel im Konferenzraum. Er trägt eine Trekkinghose, am Gürtel hängt ein Piepser, Maisel koordiniert ehrenamtlich Rettungseinsätze beim Bayerischen Roten Kreuz. Zusammen mit den Stadtwerken Bayreuth, aber ohne Fördermittel baute TMT ein 400 Kilometer langes Netz mit Übertragungsgeschwindigkeiten von einem Gigabit aufwärts – für eine Stadt wie Bayreuth ein riesiger Standortvorteil.

Im Breitbandausbau ist Bayreuth wesentlich weiter als andere Städte. Mit der Hilfe von Landesfördermitteln sollen bald auch die letzten Außenbezirke eine schnelle Internetverbindung erhalten. Daneben tun Stadt und Regierungsbezirk viel, um Betriebe in digitalen Fragen zu unterstützen. So hilft das Kompetenz­zentrum Digitales Handwerk Betrieben, digitale Techniken im Geschäftsalltag zu verankern. Das Digitale Gründerzentrum, das derzeit in Hof gebaut wird, soll auch dem nahen Bayreuth zugutekommen. Außerdem plant die Stadt ein regionales Innovationszentrum.

Solche öffentlichen Starthilfen hat die Firma Cybex nicht mehr nötig. Im Gegenteil, der Hersteller von Kinderwagen und Kindersitzen fürs Auto wächst rasant. 2005 wurde der Betrieb von Martin Pos in Kulmbach gegründet, sechs Jahre später zog er ins nahe Bayreuth. Vor drei Jahren fusionierte die Firma mit Goodbaby aus China. Die Gruppe ist eines der führenden globalen Unternehmen für Kinder- und Jugendprodukte. Cybex-Gründer Pos leitet heute den Gesamtkonzern.

»Vielleicht haben wir unser Licht unter den Scheffel gestellt«: Im Oberfränkischen weiß man Schönheit und Moderne zu verknüpfen.

Der Firmensitz liegt in einem Gewerbegebiet im Norden der Stadt, auf dem ehemaligen Gelände der Firma Grundig. Wer das Foyer betritt, hat das Gefühl, bei einem Modeunternehmen zu Gast zu sein. Designermöbel schmücken den Empfangsbereich, an den Wänden hängen Urkunden für Design-Preise, ADAC-Testsieger und Fotos von Prominenten, die die Kinderwagen und Autositze nutzen: Neymar, Shakira, Ice T, Gisele Bündchen.

Philip Raum, Senior Vice President und Marketingchef von Goodbaby, schwärmt in einem Telefongespräch von der Start-up-Kultur des Unternehmens. Die Hierarchien sind flach und Mitarbeiter aus mehr als zwanzig Nationen arbeiten am Standort Bayreuth. »Daher sprechen wir hier fast ausschließlich Englisch«, sagt er. Und auch die digitale Klaviatur will das Unternehmen perfekt beherrschen: »Hier bei Cybex setzen wir uns intensiv mit dem Thema Multichannel Retailing und der perfekten Verbindung von offline und online auseinander. Denn hierin liegt die Zukunft im Handel, und genau hierbei unterstützen wir unsere Handelspartner.« Daneben nutzt die Firma verstärkt soziale Medien und auch Messenger Services wie WhatsApp, um mit den Kunden in Kontakt zu bleiben. Kürzlich gründete Goodbaby ein Büro in Prag, das sich intensiv mit dem Thema Big Data auseinandersetzt: Die Datenanalyse soll helfen, noch besser und gezielter auf die Wünsche und Bedürfnisse der Kunden einzugehen. »Wir wollen wissen, was Eltern heute und in der Zukunft bewegt – in puncto Design, Funktionalität und Sicherheit«, sagt Raum. »Nur so können wir für sie echte Mehrwerte schaffen.«

Und was ist mit dem Standort Bayreuth? Der spielt in den Planungen des Konzerns eine wichtige Rolle. Das weltweite Marketing und der weltweite Vertrieb sind hier angesiedelt, dazu Produktentwicklung und Design. Seit dem Umzug aus Kulmbach wurden hier mehr als 400 Mitarbeiter eingestellt. Ständig wird das Gelände erweitert, es wird geschraubt und gebaut. So verlässt man eine Stadt, die es mit der Digitalisierung im Vergleich mit anderen deutschen Städten besonders ernst genommen hat. So gemütlich Bayreuth auf den ersten Blick wirken mag, so nah ist der Ort am Puls der Zeit.

Fotos: LÊMRICH

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