An vielen Orten im Internet erleben Menschen Abwertung und Beleidigung.

Dass das nicht so bleiben muss, zeigt die Initiative #NichtEgal

Es gibt eine Frage, die Mirko Drotschmann gerne stellt, wenn er mit Schülern über ihre Erfahrungen mit Hate Speech und Cybermobbing spricht: »Wer hat schon mal Hassrede im Netz erlebt?« Die Reaktionen sind zahlreich. »Egal in welcher Schulart oder Jahrgangsstufe, da gehen immer ganz viele Hände nach oben«, sagt Drotschmann. »Jeder kennt zumindest jemanden, der schon Ausgrenzung und Beleidigungen erlebt und erfahren oder sogar Hasskommentare bekommen hat. Manche geben sogar zu, dass sie schon selbst gemobbt haben.«

Der Journalist Mirko Drotschmann, 32, betreibt seit sechs Jahren den YouTube-Kanal »MrWissen2Go«, auf dem er Videos zu politischen und historischen Themen veröffentlicht. Im Gespräch mit Schülern erfährt er, dass Online-Hass für viele Jugendliche zum Alltag gehört.

Insgesamt ist der Ton im Netz an vielen Stellen rau geworden: YouTube etwa entfernte 2014 weltweit 14 Millionen Inhalte von seiner Plattform, 2015 waren es schon 92 Millionen. Ende 2016 startete die Videoplattform darum die Initiative #NichtEgal, die 2018 fortgesetzt wird. »Wir wollen die positiven Stimmen in der Debattenkultur stärken, um diskriminierenden Stimmen gemeinsam etwas entgegenzusetzen«, sagt Sabine Frank, Leiterin Regulierung, Verbraucher- und Jugendschutz bei Google Deutschland. »Nur zusammen können wir das Netz zu dem machen, was es sein soll: ein freiheitlicher, demokratischer, globaler und kreativer Ort.«

Jeder kennt zumindest jemanden, der schon Ausgrenzung und Beleidigungen erlebt und erfahren oder sogar Hasskommentare bekommen hat

Mirko Drotschmann Youtubekanal MrWissen2Go

Mirko Drotschmann ist einer von 22 bekannten YouTubern, die sich für #NichtEgal engagieren. »Bei bestimmten Themen wie Islam, Judentum oder dem Konflikt zwischen Kurden und Türken musste ich die Kommentare unter meinen Videos schon mehrmals deaktivieren«, sagt Drotschmann. »Mit dem Löschen kam ich nicht mehr hinterher.« Sogar Morddrohungen bekam er per Mail und in Kommentaren.

Aber wie geht man mit mangelndem Respekt im Netz am besten um? Ein Weg ist es, die Aggression nicht länger zu ignorieren. Unter dem Hashtag #NichtEgal posten Internetnutzer seit zwei Jahren, welche Beleidigungen und Ausgrenzungen ihnen nicht gleich­gültig sind, um so auf Hate Speech hinzuweisen. Begleitend organisieren die Medien­pädagogen von medienblau, Digitale Helden sowie von lokalen medienpädagogischen Partnern im Herbst 2018 unter dem Motto »Respekt ist uns #NichtEgal« 60 Aktionstage an Schulen in Deutschland. Schüler der 9. und 10. Klassen werden dabei zu Mentoren für einen respektvollen Meinungsaustausch im Web und im Alltag ausgebildet. Sie geben ihr Wissen wiederum an Jugendliche der 7. und 8. Klassen weiter. Mehr als 5500 Schüler haben seit Gründung der Initiative an #NichtEgal-Workshops von YouTube zur On- und Offline-Kommunikation, zum Umgang mit Hate Speech und zu einem respektvollen Miteinander teilgenommen.

Doch welche Wirkung erzeugen die Kurse, in denen die Schüler unter anderem Smartphone-Videos mit Statements gegen fehlenden Respekt drehen? Philipp Buchholtz ist Medienpädagoge und Geschäftsführer der gemeinnützigen Agentur medienblau, die Medien­bildungsprojekte in Schulen umsetzt. Er verantwortete die Konzeption der #NichtEgal-Workshops und besprach mit Schülern Original-Kommentare aus dem Web. Die Spanne reichte von Beleidigungen bis zu Hetze gegen Personen oder Gruppen. »Das geht von ›Was für ein Scheiß-Video!‹ über ›Du ziehst dich an wie eine Schlampe, du Schlampe!‹ bis hin zu ›Dich und deine Sippe sollte man erschießen‹«, sagt Buchholtz. Per Handzeichen ließ er die Schüler andeuten, welche Kommentare sie löschen würden. Die meisten sprachen sich für eine Tilgung aus, weil sie die Äußerungen unangenehm fanden.

Auch einzelne YouTuber sprechen in den #NichtEgal-Workshops zu den Schülern. »Sie kommunizieren auf Augenhöhe«, sagt Björn Schreiber, Referent für Medienbildung bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter, die die #NichtEgal-Kanäle auf YouTube und anderen sozialen Netzwerken betreibt und zusammen mit der Bundeszentrale für politische Bildung Unterrichtsmaterialien für #NichtEgal erstellte. »Die Schüler sind froh, wenn Themen und Inhalte aufgegriffen werden, die ihren Interessen entsprechen und die ihre Erfahrungen und Eindrücke aus ihrer Lebenswelt aufgreifen, zu der auch der digitale Raum gehört.« Philipp Buchholtz, dessen Agentur auch Material für »Respekt ist uns #NichtEgal« erarbeitet, erlebt, dass viele Lehrer bei digitalen Themen unsicher sind. »Netzthemen und Webphänomene werden in der Schule noch zu selten behandelt, der Bedarf und das Interesse der Schüler sind aber groß.« Schon 2017 hatten sich über 500 Schulen um einen Workshop beworben.

Wir können Leute positiv beeinflussen. Wenn jeder nur ein paar Wenige zum Umdenken bringt, ist das schon ein Fortschritt. Wir heißen nicht umsonst Influencer

Mrs Bella Youtubekanal Mrs Bella

»Jeder Einzelne kann zu einer respektvollen, von Toleranz geprägten Netzkommunikation beitragen«, sagt Medienpädagoge Buchholtz. »Bei Hate Speech und krassen Beleidigungen sollten wir nicht wegschauen. Mit positiven Statements kann man Hassbotschaften etwas entgegensetzen. Aber auch ein Melden von Nutzern oder im äußersten Fall eine Anzeige bei der Polizei sind Optionen.« Der Aufruf klingt selbstverständlich, ist aber nötig. Es ist längst nicht die Regel, dass Nutzer bei Beleidigungen einschreiten und sich und andere verteidigen. Einer Studie des Verbands für Internetwirtschaft zufolge schreiben nur 14 Prozent der 18- bis 24-Jährigen aktiv gegen Hate Speech im Netz an. Der YouTuber Mirko Drotschmann wünscht sich in dem Zusammenhang mehr digitale Zivilcourage: »Im Netz ein­zuschreiten ist ungefährlicher, zumindest körperlich, als sich in eine Schlägerei auf der Straße einzumischen. Da sollte jeder aktiv werden.« Drotschmann findet, die Diskussionen sollten vor allem sachlich sein. Manchmal antwortet er auf Beleidigungen auch mit einem ironischen Kommentar: »Die wenigsten Hater beleidigen weiter, sondern schreiben: War ja nicht so gemeint!«

Ähnliche Erfahrungen macht die YouTuberin »Mrs Bella«. Die 25-Jährige ist Make-up Artist und möchte nur unter ihrem Künstlernamen sprechen. Seit gut drei Jahren betreibt sie einen YouTube-Kanal mit Beauty-Videos und engagiert sich für #NichtEgal. »Wenn ich auf Beleidigungen reagiere, dann antworten viele, dass sie nicht gedacht hätten, dass ich den Kommentar lesen würde und dass sie damit einen echten Menschen verletzen.«

Manche Kommentare sind zwar nicht strafrechtlich relevant, aber bedenklich, weil sie falsche Tatsachen verbreiten. Da halte ich mit Fakten und Quellen dagegen, die das widerlegen

Younes Al-Amayra Youtubekanal Datteltäter

Vielleicht mussten viele YouTuber den Umgang mit Kommentaren erst lernen. Younes Al-Amayra, 32, studierte Islam- und Politikwissenschaft und arbeitet als pädago­gischer Mitarbeiter für das junge Angebot von ARD und ZDF. 2015 gründete er zusammen mit vier Kollegen den deutsch-muslimischen Satire-Kanal »Datteltäter« – aus Ärger darüber, dass es in den Medien kaum Stimmen von Muslimen gibt. »Beleidigungen erleben wir auch offline«, sagt Al-Amayra, »wir wurden schon auf der Straße bespuckt.« Die Hasskommentare im Internet nahm er am Anfang sehr persönlich. »Man muss sich erst daran gewöhnen, in der Öffentlichkeit zu stehen und solche Kommentare nicht an sich heranzulassen.« Trotzdem hat er sich geschworen, Beleidigungen nicht hinzunehmen. »Hass ist keine Meinung«, sagt Al-Amayra.

Während Mrs Bella beleidigende Kommentare löscht, lässt Mirko Drotschmann sie bewusst stehen – zumindest, wenn sie gegen ihn persönlich gerichtet sind. »Ich lege Meinungsfreiheit weit aus«, sagt Drotschmann. »Demokratie tut manchmal weh.« Bei Straftaten wie Volksverhetzung ist er aber wie jeder Betreiber von Online-Auftritten zum Handeln verpflichtet. Entsprechende Kommentare löscht er und meldet die Nutzer bei YouTube, ein befreundeter Jurist berät ihn dabei. »Manche Kommentare sind zwar nicht strafrechtlich relevant, aber bedenklich, weil sie falsche Tatsachen verbreiten. Da halte ich mit Fakten und Quellen dagegen, die das widerlegen«, sagt Mirko Drotschmann. Hilfe holt er sich auch bei Freunden, die er in den sozialen Netzwerken aktiviert und um Kommentare bittet.

Mirko Drotschmann beobachtete, dass die Diskussionen zu seinen Videos mit dem Aufkommen von Pegida und anderen flüchtlingskritischen Gruppen verrohten. Inzwischen habe sich die Debatten­kultur wieder etwas entspannt. »Langsam setzen sich die Anstandsregeln auch im Netz durch.« Respektlose Kommentare, so Drotschmann, erfahren mehr Gegenrede, viele Nutzer und Macher kümmern sich aktiv. Mrs Bella zum Beispiel hat sich vorgenommen, mehr Positives zu verbreiten: »Wenn mir was gefällt, lobe ich das in einem Kommentar.« Kritik formuliere sie in Form von Verbesserungsvorschlägen. »Wir können Leute positiv beeinflussen«, sagt Mrs Bella. »Wenn jeder nur ein paar wenige zum Umdenken bringt, ist das schon ein Fortschritt. Wir heißen nicht umsonst Influencer.«

Illustrationen: Silke Werzinger

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