Vom »Lagerfeuer« zur großen Video-Vielfalt

Der Fernsehwissenschaftler Prof. Lothar Mikos erklärt, wie Internetangebote das Sehverhalten der Deutschen verändern – und wie wir in Zukunft Bewegtbild konsumieren

Herr Prof. Mikos, sieht Deutschland heute anders fern als vor 30 Jahren?

Auf alle Fälle. Es gibt erheblich mehr Angebote und andere Geräte: Laptops, Smartphones, Tablets. Zudem wird Fernsehen inzwischen auch über das Internet verbreitet.

Was sind die wichtigsten Veränderungen im Verhalten der Nutzer?

Der Konsum ist insgesamt gestiegen, die Deutschen gucken heute durchschnittlich deutlich länger als noch vor 15 Jahren. Außerdem schauen die Menschen heute an viel mehr unterschiedlichen Orten, beispielsweise auf dem Weg zur Arbeit.

Welche Entwicklungen sind für diese Änderungen verantwortlich?

Maßgeblich sind technische Entwicklungen bei den Endgeräten. Ein Meilenstein war der Walkman, der das Prinzip der tragbaren Medieninhalte begründete. Mittlerweile haben wir mit dem Smartphone ein All-in-one-Gerät, mit dem ich telefonieren und Nachrichten versenden, aber eben auch über Mediatheken fernsehen oder Videos auf unterschiedlichen Plattformen und über Streaming-Dienste schauen kann. Es spielt sicherlich eine Rolle, dass die Menschen beruflich mobiler geworden sind. Aber erst die Digitalisierung ermöglicht, dass wir jetzt alles unterwegs und an jedem beliebigen Ort sehen können.

Früher nannte man das Fernsehen »Lagerfeuer der Nation«, weil die ganze Familie gemeinsam Sendungen wie »Wetten, dass?« schaute. Warum ist diese Funktion verloren gegangen?

Es gibt immer noch generationenübergreifend erfolgreiche Inhalte, wie etwa den »Tatort«, das Dschungelcamp oder Fußball. Aber grundsätzlich verteilt sich die Zuschauerschaft heute viel stärker, weil das gesamte Angebot vielfältiger geworden ist. Es gibt deutlich mehr TV-Sender, dazu kommen Streaming-Anbieter wie Netflix, Video-Plattformen wie YouTube und die Online-Mediatheken der Sender. In den 1980er-Jahren hatte eine Serie wie „Dallas“ Marktanteile von 60 bis 70 Prozent. So etwas gibt es heute nicht mehr. Über die Jahre sind die durchschnitt­lichen Einschaltquoten der einzelnen Sender konstant gesunken.

Welche Konsequenzen ziehen die Anbieter aus den neuen Möglichkeiten im Zuge der Digitalisierung?

Sie nehmen natürlich darauf Rücksicht. funk, das Jugendangebot der Öffentlich-Rechtlichen, läuft zum Beispiel gar nicht mehr auf einem klassisch linearen Sender. Es findet praktisch ausschließlich mobil und im Internet statt, auf Platt­formen wie YouTube oder Instagram. Dort sind die Formate oft kürzer und sehr stark mit sozialen Medien verbunden. Es gibt aber auch viele Online-Angebote, die sich mit ihren Programmen am traditionellen Fernsehen orientieren. Bei einem modernen Streaming-Dienst wie Netflix sind Fernsehserien der elementare Inhalt. Die Serien verändern sich dort aber ein bisschen, weil sie nicht in die Programmstruktur des linearen Fernsehens gepresst werden müssen. Dadurch können einzelne Episoden unterschiedlich lang sein. Andererseits gibt es im Internet vermehrt auch sogenannte Webserien, die oft aus kürzeren Folgen bestehen.

Werden digitale Bewegtbild-Inhalte tendenziell kürzer?

Die kürzere Form gewinnt an Bedeutung, weil es viel mehr sogenannte Warte­nutzung gibt: Man guckt sich schnell ein Video an, während man auf den Bus oder beim Arzt wartet. Aber kurze Inhalte sind kein Massenphänomen, die Länge hängt vom Thema und der Art der Erzählung ab. Wenn Menschen nur noch kurze Formate ansehen wollten, würde ja keiner mehr ins Kino gehen oder 20 Folgen einer Serie am Stück anschauen.

Wir steuern in das Zeitalter des digitalen Bewegtbildes

Lothar Mikos

Wie sehen Sie die Zukunft des Bewegtbildes?

Schon jetzt ist ein Trend klar zu erkennen: Wir steuern in das Zeitalter des digitalen Bewegtbildes. Im Zuge der Digitalisierung wird das Bewegtbild immer wichtiger und spielt in allen möglichen Bereichen eine Rolle: schon seit einiger Zeit auf Online-Angeboten für Nachrichten und Unterhaltung und immer stärker auch in Bereichen wie der Medizin, der Architektur, der Kunst. Denken Sie zum Beispiel an die dreidimensionale Darstellung von Gebäuden oder Virtual-Reality-Anwendungen. Der Konsument wiederum erhält über die klassische TV-Nutzung hinaus immer mehr Auswahl, welche Inhalte er wann und wo sehen möchte.

Wie wird der Einzelne mit der immensen Angebotsvielfalt zurechtkommen?

Es wird natürlich technisch möglich sein, dass jemand ein Programm für mich kuratiert, also nach meinem persönlichen Geschmack für mich zusammenstellt. Vermutlich wird das irgendwann der digitale Assistent übernehmen: Ich komme heim, und er spielt eine Castingshow ab, wenn ich sage, dass ich auf so etwas Lust habe. Oder der digitale Assistent weiß schon aufgrund meiner sonstigen Vorlieben, meines Tagesablaufs oder meines Pulses, was ich jetzt wahrscheinlich am liebsten anschaue.

Illustration: Lisa Tegtmeier

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