„Wir bieten zeitgemäßen Service“

Hamburg will zur digitalen Stadt werden. Der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher erklärt, was die Bürger davon haben

Digitalisierung einer Stadt klingt sehr abstrakt. Was bedeutet das konkret?

Es geht darum, die Behörden auf digitale Verfahren umzustellen und untereinander besser zu vernetzen sowie technische Innovationen zu nutzen, um die Abläufe in der Stadt zu verbessern – zum Beispiel durch smarte Verkehrssteuerung. Und es geht um moderne Kommunikation zwischen Bürgern und Behörden, online, per Mail oder über soziale Medien.

Wie digital ist Ihr Arbeitsalltag?

Ohne Smartphone gehe ich gar nicht aus dem Haus. Ich arbeite am Notebook, kommuniziere per E-Mail und nutze elektronische Workflows oder Dateisysteme, die klassische Akten und Papier ersetzen.

2018 wurde das neue Amt IT und Digitalisierung gegründet, das Ihnen direkt angebunden ist. Welche Ziele haben Sie für dieses Jahr?

Wir erarbeiten aktuell die Strategie für die kommenden Jahre und haben mit konkreten Projekten begonnen. Ein Beispiel hierfür ist der Urban Data Hub, eine Plattform, auf der städtische Daten vereinheitlicht und zusammengeführt werden, um Prozesse in der Verwaltung zu vereinfachen und zu beschleunigen.

Das Rathaus ist von 1897, die Verwaltung aber ganz modern.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung der Stadtverwaltung im Kontakt mit Bürgern und Unternehmen?

Eine zentrale Rolle. Wir wollen, dass Anliegen auch bequem von zu Hause aus erledigt werden können, zum Beispiel einen Bewohnerparkausweis zu beantragen. Dafür können aber nicht einfach die bisherigen Papiervorgänge in elektronische Vorgänge umgewandelt werden. Wir müssen die Abläufe neu strukturieren, neue Datensysteme schaffen, die Behörden untereinander vernetzen und alles aus Sicht der Bürger und Unternehmen denken. Sie sind unsere Kunden und erwarten zeitgemäßen Service.

In welchen Punkten ist Ihre Stadt bei der Digitalisierung im Vergleich zu anderen Städten in Deutschland und Europa besonders gut aufgestellt?

Die EU hat Hamburg als »leading innovation region« in Europa eingestuft. Im Deutschland-Index der Digitalisierung wurden wir als »beste digitale Verwaltung« bezeichnet, weil wir schon heute rund 130 Dienstleistungen online anbieten. Mehr als 95 Prozent der Haushalte und Unternehmen in Hamburg haben einen leistungsfähigen Breitbandanschluss.

Unsere Wirtschaft ist bereit für Veränderungen.

Peter Tschentscher

Wo sehen Sie Nachholbedarf?

Wir wollen in den kommenden Jahren alle wesentlichen Fachverfahren digitalisieren, das sind in Hamburg etwa 800. Unsere Strategie Digitale Stadt beschränkt sich aber nicht nur auf die Verwaltung. Alle Behörden, öffentlichen Unternehmen, Landesbetriebe und Hochschulen sollen sich untereinander, mit dem privaten Sektor und der privaten Wirtschaft vernetzen. Daraus ergeben sich ganz neue Möglichkeiten für ein modernes Leben in Hamburg.

Wie wichtig ist der Aufbau einer Start-up-Szene für eine Stadt? Mit welchen Anreizen wollen Sie mehr Gründer nach Hamburg holen?

Eine lebendige Start-up-Szene ist wichtig für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen. Hamburg liegt bei der Zahl der Neugründungen gleichauf mit Berlin. Unsere Wirtschaft ist deshalb stark, weil sie immer innovativ und veränderungsbereit war. Viele bekannte Namen wie Otto, Jungheinrich oder Beiersdorf haben sich mit einer klugen Geschäftsidee aus dem Hinterhof heraus entwickelt.

Peter Tschentscher ist seit März 2018 Erster Bürgermeister von Hamburg. Er ist promovierter Mediziner und seit 1989 Mitglied der SPD.

Was tut Hamburg grundsätzlich, um Innovatoren anzuziehen?

Viel. Die Stadt selbst ist der größte Kapitalgeber für Start-ups in Hamburg. Unsere Investitions- und Förderbank fördert innovative Unternehmen in der Früh-, Gründungs- und Wachstumsphase, aktuell rund 60. Wir vernetzen Start-ups mit etablierten Unternehmen und Forschungseinrichtungen, zum Beispiel über unsere Cluster in den Branchen Digitalwirtschaft, Life Sciences, Logistik, Luftfahrt und Energiewende. Wir haben auch ein spezielles Programm, das Gründerinnen und Gründer im Hochschul- und Forschungsumfeld unterstützt.

Im Deutschland-Index der Digitalisierung wurden wir als beste digitale Verwaltung bezeichnet.

Peter Tschentscher

Die Stadt investiert in den Aufbau neuer Technologiezentren. Was versprechen Sie sich davon?

Wir schaffen damit Räume, in denen Wissenschaft, etablierte Unternehmen und Start-ups zusammenkommen. Technologiezentren bieten unter einem Dach flexible Büro- und Laborflächen, Konferenzräume, Schulungs- und Dienstleistungsangebote. Dadurch können sich die Akteure vernetzen, und wir fördern den Technologietransfer aus der Wissenschaft in die Anwendung und Entwicklung.

Welche Technologiefelder sollen in Zukunft eine hervorgehobene Rolle spielen?

Die Hamburger Wirtschaft ist in allen Branchen vertreten, deshalb brauchen wir Innovation und Technologietransfer in allen Bereichen. Besonders aktiv sind wir derzeit in der Energiewirtschaft, vor allem in der Wind- und Wasserstofftechnologie, bei der Dekarbonisierung der Industrie, der Entwicklung intelligenter Verkehrssysteme, im 3-D-Druck und der Biotechnologie.

Durchatmen: Der Innenhof des Hamburger Rathauses.

Wie hilft die Stadt auch Mittelständlern und Kleinunternehmen, den Schritt Richtung Digitalisierung zu erleichtern?

Indem wir gemeinsam mit Handelskammer, Handwerkskammer und unseren Wirtschaftsverbänden Foren, Informationsangebote, Schulungen und branchenspezifische Kooperationen organisieren. Häufig sind es junge Digitalunternehmen, die den traditionellen Firmen innovative Lösungen anbieten und sie mitziehen. Erste Anlaufstelle ist das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Hamburg.

Typische Großstadtprobleme sind Wohnraumknappheit, Staus und Umweltbelastung. Wie können digitale Technologien dabei helfen?

Building Information Modeling kann Bauen effizienter und kostengünstiger machen. Durch intelligente Verkehrslenkung an den Container-Terminals haben wir Staus und Umweltbelastung durch Lkw-Verkehre im Hafen verringert. Wir entwickeln ein intelligentes Baustellenmanagement, das Straßenbau, Rohr- und Leitungsbau sowie Modernisierungsarbeiten besser aufeinander abstimmt und zusammenlegt. Mit neuer digitaler Technik können S- und U-Bahn-Linien durch engere Taktfolge der Züge besser genutzt werden. Es gibt zahllose Anwendungen zur besseren Ampelsteuerung und Lenkung des Verkehrs, die unsere Stadt mobiler machen und dabei Lärm, Emissionen und Energieverbrauch senken.

Fotografie: Benne Ochs

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