Was ist ein Hamboogler?

So nennen sich die 500 Mitarbeiter von Google in Hamburg. Zwei von ihnen sind Sarah Fix-Bähre und Patrick Singer

Geschichte, Politik und Publizistik? Medienmanagement? Was kann man denn später damit anfangen? Sowohl Sarah Fix-Bähre als auch Patrick Singer kennen diese Fragen aus ihrer Studienzeit. Nun, ganz einfach. Man arbeitet zum Beispiel für Google.

Die Geisteswissenschaftlerin Sarah (bei Google sind alle per du) ist Industry Leader, das heißt, sie leitet den Bereich Werbekunden aus der Sparte Versicherungen. Patrick mit seinem Medienhintergrund ist Programmentwickler in der Google Digital Academy, er konzipiert und testet Trainings für Kunden, etwa zum Thema Marketingstrategien, und bildet anschließend Coaches weiter. Unter ihren Kollegen sind Literaturwissenschaftler, Tierärzte und Juristen, kaum jemand hat einen klassischen MINT-Hintergrund.

Das liegt zum einen daran, dass sich die Menschen im Hamburger Google-Büro um Personalfragen, um das Marketing des Unternehmens, um Kommunikation und Finanzen kümmern. Außerdem arbeiten viele wie Sarah im Vertrieb, um Großkunden bei der Digitalisierung zu unterstützen. Zum anderen setzt Google auch ganz bewusst auf Vielfalt unter den Kollegen. »Wir haben sehr unterschiedliche Charaktere im Team«, sagt Patrick, »was in der Zusammenarbeit auch Aufwand und Energie kostet. Es ist aber eine große Bereicherung, da man andere Sichtweisen kennenlernt. Wir wollen bei Google mithilfe von Technologien große Probleme lösen, da kommt man mit nur einer Perspektive nicht weiter.« Ständiges Weiterentwickeln sei fest in der DNA des Unternehmens verankert, sagt Sarah. Sie selbst hat in den 13 Jahren bei Google verschiedene Sparten aus verschiedenen Rollen heraus betreut – von Spielzeug über Beauty bis zu Möbeln. »Ich habe immer versucht, meine Lernkurve steil zu halten, aber auch viele Chancen dazubekommen.« Im Juni wird Sarah den nächsten großen Schritt gehen und die Leitung der Business-Finance-Abteilung für Zentraleuropa übernehmen. »Google ist bereit, mit seinen Mitarbeitern Risiken einzugehen«, ist sich Sarah bewusst. »Ich fühle mich extrem wertgeschätzt. Google investiert in meine persönliche Entwicklung, und das vermittelt mir ein fundamental anderes Gefühl in Bezug auf meine Arbeit.«

Google investiert in meine persönliche Entwicklung

Sarah Fix-Bähre Google Hamburg

Möglich ist das auch, weil das Unternehmen eine moderne Einstellung zur Aufgabe von Führungskräften hat. Wenn die Welt zunehmend komplex wird, kann ein Chef immer weniger inhaltlich Bescheid wissen. Wichtiger als Antworten werden daher die richtigen Fragen – kurzfristige Taktiken werden bedeutender als Fünfjahrespläne –, und ein gutes Mitarbeiter-Feedback schlägt im Zweifel das Abliefern von Zahlen. »Als Manager sind heute andere Fähigkeiten gefragt als früher«, fasst es Sarah zusammen. Wie sich Führung im digitalen Zeitalter verändert, das sei ein Herzensthema für sie, worüber sie regelmäßig Vorträge hält.

Ein besonderer Punkt dabei ist das Führen in Teilzeit. Seit ihrer Elternzeit arbeitet Sarah vier Tage die Woche, den fünften hält sie sich bewusst für sich und ihren fünfjährigen Sohn frei. »Am Anfang habe ich mich schon gefragt, ob andere das vielleicht als unambitioniert interpretieren. Aber es war nie ein Problem oder Nachteil, meine Karriere ist auch so weitergegangen.« In ihrem elfköpfigen Team arbeiten drei Kollegen in Teilzeit – zwei davon sind Männer.

Dass alle Mitarbeiter eines Teams zusammen an einen Ort kommen, ist ohnehin die Ausnahme. Hamburg, München, Dublin – Patricks 19 Kollegen der Digital Academy etwa arbeiten auf sieben Standorte verteilt. »Es spielt daher auch keine Rolle, ob ich hier an meinem Platz sitze, ich muss nur erreichbar sein«, sagt er. Sein Manager arbeite sogar komplett von zu Hause aus. Dass es bei Google trotzdem keine ausgeprägte Homeoffice-Kultur gibt, liegt wahrscheinlich auch an den vielen Annehmlichkeiten, die das Unternehmen vor Ort bietet. Ein großes und beliebtes Thema für alle Hamboogler: das Essen. Zwei Kantinen bieten morgens und mittags verschiedene Menüs, mehrere Kleinküchen halten Obst und Süßes für zwischendurch bereit, nachmittags gibt es Kuchen und belegte Sandwiches, falls es mal später wird bei der Arbeit. Alles kostenlos. So wie das Fitnessstudio im Haus, das Patrick jeden Morgen nutzt.

Wir wollen große Probleme lösen, da kommt man mit nur einer Perspektive nicht weiter

Patrick Singer Google Hamburg

»Meine Frau und meine Freunde arbeiten in völlig anderen Unternehmen. Wenn ich das vergleiche, wird mir immer wieder bewusst, wie privilegiert wir hier arbeiten, wie fortschrittlich und liberal«, sagt er. »Dafür verlangt Google uns auch Dinge ab, die es woanders so nicht gibt: zum Beispiel die Bereitschaft, agil zu bleiben. Ich weiß oft nicht, wie meine konkreten Aufgaben in drei Monaten aussehen. Wobei das für mich den Job erst interessant macht.«

Auch Patrick wechselte in den vergangenen 14 Jahren bei Google mehrfach die Rollen. Er fing in Dublin im Kundensupport an, kam dann als Produkttrainer nach Hamburg und wechselte nach sechs Jahren auf die konzeptionelle Ebene. Neben seinem täglichen Job engagiert er sich im Google Culture Team, das sich mit zwei grundsätzlichen Fragen beschäftigt: Wie erhält und befördert man etwas Nebulöses wie Unternehmenskultur? Und wie kriegt man es hin, dass in einem wachsenden Unternehmen die Menschen immer wieder neu miteinander in Kontakt kommen? Dafür gibt es unter anderem Themenwochen, Sportveranstaltungen, zwei große Partys im Jahr und immer freitags ab 16 Uhr das TGIF (Thank God It’s Friday) mit Musik und Büfett. »Das Spielerische ist enorm wichtig bei uns«, sagt Patrick. »Das merke ich auch in meinen Workshops: Sind die Hemmungen weg, lassen sich Probleme viel einfacher lösen.«

Google Deutschland hat seinen Hauptsitz an der Elbe

Ein Haus mit guter Optik: Links unten der Raum „Holthusenbad“, in den sich Mitarbeiter für Treffen oder zum Nachdenken zurückziehen können. Und rechts der Blick aus der Kantine.

Als sich die Holding von Google vor einigen Jahren in Alphabet umbenannte, sorgte das am Standort Hamburg für Schmunzeln: Google hat hier schon seit 2001 seinen Sitz in der ABC-Straße. Damals entschieden sich die Gründer Larry Page und Sergey Brin für die Hansestadt als Hauptsitz in Deutschland und als ersten Ableger auf dem europäischen Festland. Von außen ist das Gebäude unscheinbar, selbst das riesige Foyer ist kühl und nüchtern. Wenn einem dort jemand in weißem Kittel entgegenkommt, ist das kein Laborant, sondern ein Mitarbeiter aus der Zahnarztpraxis, die im selben Gebäude sitzt. Zu Google geht es mit dem Fahrstuhl – in den ersten Stock, wenn man die Google Zukunftswerkstatt besuchen möchte, in den dritten Stock zum Empfang. Ab hier wird es bunt: Jede Büroetage ist nach einem eigenen Motto gestaltet. Im Stockwerk »Wasser« gibt es einen Konferenzraum, der wie das Innere eines Wals gestaltet ist, auf der »Musik«-Ebene wird die Atmosphäre eines Tonstudios vermittelt. Arbeiten kann man auch im »Holthusenbad«, in dem der Pool mit Schaumstoffwürfeln als Wasserersatz gefüllt ist. Während an den Standorten München und Berlin entwickelt wird, sitzen in Hamburg Abteilungen wie Personal, Marketing, Kommunikation, Finanzen und Recht. Die meisten der rund 500 Mitarbeiter arbeiten im Vertrieb und unterstützen Großkunden bei ihrer Onlinemarketingstrategie.

Fotografie: Eva Häberle

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