Die mobile Revolution

Günstige Smartphones sind gerade dabei, den Alltag von Millionen Menschen in Afrika zu verbessern. Viele bekommen erstmals Zugang zu lebenswichtigen Informationen und neuen Job-Chancen. Wie Android einen ganzen Kontinent ins Internet bringt

Als Maximilian Ruppaner um die Jahrtausendwende im beschaulichen Wasserburg am Bodensee aufwuchs, erwartete er keine großen Veränderungen. Er fühlte sich wohl in dem 3500 Einwohner-Ort, war Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr und ging davon aus, dass er hier auch sein Leben verbringen würde. Niemals hätte er sich damals träumen lassen, dass er gut zehn Jahre später in London arbeiten und in der Kantine mit Kollegen aus acht unterschiedlichen Ländern am Tisch sitzen würde. Und noch weniger hätte er als angehender Informatikstudent daran gedacht, dass seine Programmierarbeit einmal dazu ­beitragen würde, Menschen in Afrika das Leben zu erleichtern. Auch heute ist das alles andere als offensichtlich. Maximilian Ruppaner arbeitet in London, inzwischen als Senior Software Engineer im »Backend-Team« von Google Play. Selbst seine Eltern haben Schwierigkeiten zu verstehen, was das bedeutet, was ihr Sohn tagtäglich in einem nagelneuen Büro­gebäude im Zentrum eines Geschäftsviertels am Bahnhof St Pancras macht. Stark vereinfacht gesagt, sorgen Ruppaner und seine Kollegen dafür, dass der Verkehr zwischen den Entwicklern und den Nutzern von Android-Apps reibungslos läuft. Noch etwas genauer ausgedrückt: Das Team kümmert sich darum, dass jede neue Version, die ein kleiner Entwickler auf Rügen oder ein Großkonzern im Silicon Valley in den App Store Google Play lädt, effizient auf bis zu zwei Milliarden Android-Endgeräten landet. Der Verteilprozess an sich ist voll automatisiert; Ruppaner und seine Leute achten darauf, dass die übertragenen Datenmengen so klein wie möglich bleiben. Dafür tüfteln sie beispielsweise an immer besseren Kompressionsverfahren.

Gemeinsames Ziel, unterschiedliche Aufgaben: Maximilian Ruppaner (o.l.) sorgt dafür, dass Apps kleiner und damit gerade für arme Menschen leichter downloadbar werden. Mahir Sahin (u.l.) und Adama Bari Diallo (r.) arbeiten mit Android-Partnerunternehmen daran, dass Smartphones in Afrika günstiger werden.

Wer verstehen möchte, warum diese technisch komplizierte Programmierarbeit, die ja alle Android-Apps sowie deren Anwender weltweit betrifft, gerade für Afrika so bedeutsam ist, sollte mit Mahir Sahin und Adama Bari Diallo sprechen. Wie ihr deutscher Kollege arbeiten sie in der Londoner Google-Niederlassung, doch anders als er sind sie explizit für Afrika zuständig. Sahin leitet als Director, Android Platform Partnerships, Africa das Programm für Android-Partnerschaften auf dem gesamten Kontinent. Diallo ist Head of Business Development, Next Billion Users (»nächste Milliarde Nutzer«) und betreut die Partnerschaften in Nigeria und den französischsprachigen Ländern Afrikas. Das berufliche Leben der beiden dreht sich damit um eine Weltregion, in der das Smartphone eine völlig andere Bedeutung hat als etwa in Europa. ­»Afrika hat das Desktop-Zeitalter komplett übersprungen«, erklärt Diallo, »weil Computer für die allermeisten Menschen zu teuer und außerdem kaum Datenleitungen vorhanden sind.«

Deshalb sind es internetfähige Mobiltelefone, die Millionen Bewohnern Afrikas in den vergangenen Jahren zum ersten Mal überhaupt Zugang zum Internet – und damit zu unbegrenzter Information und Kommunikation – ermöglichten. Binnen drei Jahren hat sich die Ausbreitung von Smartphones dort verdoppelt. Aber noch immer haben mehr als 800 Millionen der gut 1,2 Milliarden Einwohner des Kontinents keinen Zugang zu internetfähigen Geräten.

Das Zeitalter der Desktop-Computer hat Afrika nahezu komplett übersprungen. Die meisten Menschen kommen per Smartphone zum ersten Mal ins Internet.

»Es ist eine Frage des Preises, wie gut sich der technische Fortschritt verbreitet«, beschreibt Mahir Sahin den wichtigsten Treiber dieses Booms. Angesichts der auf dem Kontinent überall herrschenden Armut kann schon ein Dollar sehr viel ausmachen. Dass es dort inzwischen Smartphones für 30 Euro gibt, wäre ohne Android kaum vorstellbar. Derart niedrige Verkaufspreise sind nur möglich, weil das mobile Betriebssystem offen und für jeden Hersteller gratis verwendbar ist. So fallen bei der Geräteproduktion weder Lizenzierungsgebühren noch Entwicklungskosten für ein eigenes Betriebssystem an.

Günstige Smartphones bilden nur die Tür zum Internet. Um sie zu öffnen, sind Menschen in Entwicklungsländern auf bezahlbare Datenübertragung angewiesen – übrigens nicht nur in Afrika: In Indien beispielsweise muss man 17 Stunden zum Mindestlohn arbeiten, um sich ein 500 Megabyte umfassendes Datenpaket leisten zu können, das in Deutschland für unter fünf Euro zu ­haben ist. Wo jedes Kilobyte ein wertvolles Gut darstellt, wird Datensparsamkeit selbstverständlich – zumal große Dateien in Afrika und vielen anderen Regionen nicht nur ein finanzielles Problem darstellen: Die schnellen Funkstandards LTE oder 3G, wie sie im Westen weit verbreitet sind, findet man in Entwicklungsländern selten. Hier surfen die meisten Menschen deutlich langsamer durchs mobile Internet – was große Datenpakete auch zu einer zeitlichen Zumutung macht.

Noch immer haben mehr als 800 Millionen Bewohner Afrikas keinen Zugang zu internetfähigen Geräten.

Und eben hier kommt Maximilian Ruppaner ins Spiel. 2016 entwickelte sein Team einen Algorithmus, der den Android-Nutzern weltweit jeden Tag sechs Petabyte an ­Daten erspart. Eine gewaltige Reduktion: Würde man das eingesparte Datenvolumen auf DVDs brennen, würden die Scheiben sich zu einem 20 Kilometer hohen Turm stapeln. Inzwischen weiß Ruppaner: Mit derlei ausgefeilten Kompressionsverfahren machen er und sein Team nicht nur ein abstraktes System effizienter. Sie tragen damit auch konkret dazu bei, dass arme Nutzer sich den Zugriff auf eine bestimmte Anwendung oder ein wichtiges Sicherheits-Update überhaupt leisten können. »In Afrika macht es einen großen Unterschied, ob ein Update fünf oder zehn Megabyte groß ist«, sagt der IT-Experte, der 2017 zwei Monate privat jenseits der Sahara unterwegs war. »Ich war sehr stolz auf meine Arbeit, als ich sah, wie elementar wichtig Smartphones und mobiles Internet dort für die Menschen sind.«

Wachstumsmarkt: Noch sind vielen Menschen die Smartphones zu teuer, die in den Geschäften und Märkten der afrikanischen Städte verkauft werden. Mit jedem Dollar Preisunterschied aber steigt die Zahl derer, die sich den Weg ins Internet leisten können.

Diese Bedeutung kennt Adama Bari Diallo, die sehr viel in Afrika zu tun hat, noch viel besser. »Plötzlich haben die Menschen Zugang zu Apps für Kinderernährung«, nennt sie ein Beispiel und verweist auf die große Bedeutung von Internet-Videos als Bildungsinstrument zu fundamentalen gesundheitlichen, landwirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Fragen in Ländern mit oft mangelhaftem Schulsystem. Besonders stolz ist sie auf eine App, die Kollegen in Nigeria gezielt für junge Frauen entwickelt haben, die vom Land in die Stadt ziehen. Darin befinden sich die Kontakte zu Krankenhäusern und Polizeidienststellen, an die sie sich in Notfällen wenden können.

Rund 30 Euro kosten inzwischen die günstigsten in Afrika erhältlichen Smartphones.

»Erst wenn man in diesem Markt arbeitet, versteht man, wie entscheidend es ist, Zugang zum Internet und zu Informationen zu haben«, sagt auch Mahir Sahin. Er kennt Landwirte, die ihre Ernten steigerten, als sie sich über mobiles Internet entsprechendes Wissen aneignen konnten. Und die außerdem von fairerem Handel auf den Märkten profitieren, seitdem der breitere Zugang zum Internet die Preise transparent macht.

Abgesehen davon, dass Smartphones in Afrika den privaten und beruflichen Alltag erleichtern, bieten sie den Menschen auch Chancen auf ein neues, besseres Leben. Während in einigen Metropolen von Kairo bis Kapstadt bereits Start-up-Ökosysteme aufblühen, entwickeln sich an vielen Orten nach und nach ­immer mehr kleine, aber eindrucksvolle Erfolgsgeschichten. Adama Bari Diallo lernte in einem Trainingsprogramm eine ­alleinerziehende Mutter kennen, die aus Benin nach Nigeria zog, um den Umgang mit digitaler Technik zu lernen. Danach ging sie zurück in ihre Heimat und gründete eine Agentur, die nun die Menschen vor Ort in die Welt des Internets einführt. Inzwischen hat sie bereits zwei Angestellte.

Zwischen 2016 und 2018 kamen mehr als 60 Geräte auf Android-Go-Basis in 49 afrikanischen Staaten auf den Markt.

»Das alles hat nur begonnen, weil sie ein Smartphone hatte«, sagt Diallo. Neben günstigen Geräten und datensparsamen An­wendungen hält sie Bildung für eine entscheidende Voraussetzung, um Afrikaner an der digitalen Zukunft teilhaben zu lassen. Immerhin ist das Smartphone dort für viele Menschen nicht nur die erste Begegnung mit dem Internet – sondern mit einem technischen Gerät überhaupt. Mit einem speziellen Trainingsprogramm hat Google bislang einer Million Afrikaner digitale Fähigkeiten vermittelt. »In den kommenden fünf Jahren wollen wir weitere zehn Millionen Menschen in Afrika ausbilden«, sagt ­Diallo, die dabei auch auf die Zusammenarbeit mit anderen ­Unternehmen setzt. 2016 ging Google eine strategische Partnerschaft mit dem Telekommunikationsanbieter Orange ein, die sich auf zunächst 14 afrikanische Länder erstreckte und von einer Aufklärungskampagne begleitet wird. Beim Kauf der Smart­phones sollen die Menschen nicht nur lernen, wie man das Gerät bedient. Sie erfahren dabei auch, wie man im Internet nach Informationen sucht. Insgesamt sind im Zuge der Partnerschaft zwischen Google, Smartphone-Herstellern und Telekommunikations-Anbietern zwischen 2016 und 2018 mehr als 60 Geräte auf Android-Go-Basis in 49 afrikanischen Staaten auf den Markt gekommen.

Wenngleich bei technischer Bildung noch sehr großer Nachholbedarf besteht – angesichts der mobil-digitalen Revo­lution, die derzeit über den Kontinent rollt, wird womöglich bald der Westen immer mehr von Afrika lernen. Mobile Bezahlsysteme zum Beispiel sind dort schon viel weiter verbreitet. In Kenia liefen schon 2017 Geldtransfers in Höhe von 43 Prozent des dortigen Bruttosozialprodukts über das mobile Bezahlsystem M-Pesa. Allein Google will in Afrika in den kommenden Jahren 100 000 Software-Entwickler ausbilden. Wie einst der junge Programmierer Ruppaner aus Wasserburg am Bodensee ahnen auch sie heute noch nicht, welchen Nutzen ihre Ideen irgendwann anderen Menschen bringen werden – in Afrika und dem Rest der Welt.

Fotos: Getty Images/subman, Dan Wilton (3), Getty Images/CommerceandCultureAgency, Getty Images/Anadolu Agency

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